Nkrumas entwicklungspolitische Ziele

Industrialisierung mit dem Geld der Kleinbauern

Kwame Nkrumah führte Ghana 1957 in die Unabhängigkeit und prägte als Premierminister und später als Staatspräsident viele Jahre die Politik seines Landes. Sein Denken und seine entwicklungsstrategischen Überlegungen haben eine ganze Generation von Intellektuellen in Afrika beeinflusst. Sie dürfen jedoch nicht losgelöst von seinem politischen Handeln betrachtet werden.
30. Juli 2009

Nkrumah wird 1909 in Nkroful im äußersten Westen der damaligen britischen Kolonie Goldküste geboren. Er gehört der Volksgruppe der Nzima an, eine kleine Minderheit unter den vielen Völkern des Landes. Nkrumah besucht die koloniale Eliteschule in Achimota bei Accra und lernt dort westliche Wissenschaft und Philosophie kennen. In Achimota, so schreibt er später in seiner Autobiographie, sei erstmals ein Gefühl des Nationalismus in ihm erwacht. 1935 geht er mit Unterstützung eines reichen Verwandten in die USA. Dort absolviert er Studien in Volkswirtschaftslehre, Theologie, Pädagogik und Philosophie. und kommt er mit panafrikanischem, marxistischem und trotzkistischem Gedankengut in Berührung.

1945 geht Nkrumah nach London – ursprünglich, um an der dortigen School of Economics zu studieren. In den Zirkeln afrikanischer Studenten und Akademiker lernt er jedoch den Panafrikanisten George Padmore kennen und wird zum Organisationssekretär des 5. Panafrikanischen Kongresses in Manchester. Zwei Jahre später wird er zum Generalsekretär der neu gegründeten „United Gold Coast Convention Party“ berufen und kehrt in seine Heimat zurück. Im Anschluss an Unruhen in Accra wird er verhaftet. Nach seiner Freilassung wird er zum landesweit bekannten Volkshelden und gründet die radikalere „Convention People’s Party“, die mit ihrer Forderung nach Autonomie Bauern, Marktfrauen, Kriegsveteranen und Gewerkschafter hinter sich sammelt. Die Partei wird bei den Parlamentswahlen 1951 stärkste politische Kraft, Nkrumah im März 1952 Premierminister der Kronkolonie Goldküste. Am Tag der Unabhängigkeit, dem 6. März 1957, gibt er ihr den Namen des historischen Königreichs Ghana. 1960 vollzieht Nkrumah die Umwandlung des Landes in eine Republik und lässt sich zum Präsidenten wählen. Dies sollte die letzte demokratische Wahl in seiner Ära sein. Von seinen Anhängern lässt er sich als „Osagyefo“ („Erlöser“) feiern.

AUTOR

Einhard Schmidt-Kallert

Einhard Schmidt-Kallert war bis 2014 Leiter des Fachgebiets Raumplanung in Entwicklungsländern der TU Dortmund.

Zugleich macht er aus Ghanas liberal-demokratischem politischen System einen Einparteienstaat. Nkrumah schränkt die Rechte der Bürger und der Gewerkschaften ein, mit Repressionen hält er seine politischen Gegner in Schach. Im Februar 1966 – Nkrumah sitzt im Flugzeug nach Hanoi, um „den Vietnamkrieg zu beenden“, wie er in typischer Selbstüberschätzung formuliert hat – wird seine Präsidentschaft von einem vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützten Militärputsch hinweggefegt. Er verbringt den Rest seines Lebens im Exil in Guinea als Gast des Präsidenten Sékou Touré und stirbt 1972 in Bukarest.

Nkrumah war vor allem Politiker, ein charismatischer Führer in der Phase der Dekolonisation Afrikas. Aber gehört sein Name in die Galerie der Entwicklungsdenker? Er selbst verstand sich auch als Philosoph, vielleicht als einen der ersten Afrikas. In der Tat hat er eine Reihe von Büchern verfasst, mit denen er seinen Namen als Theoretiker begründen wollte. Seine Schriften müssen jedoch in Zusammenhang mit seinem politischen Wirken gesehen werden. Seine „Hauptwerke“ wurden veröffentlicht, als er längst eine zentrale Figur auf der politischen Bühne seines Landes war beziehungsweise bereits im Exil lebte. Sie liefern zum Teil den ideologischen Überbau für die Tagespolitik, zum Teil sind sie als Rechtfertigung für seine politischen Prioritäten und Entscheidungen in bestimmten Situationen zu interpretieren.

Die zentralen Werke Nkrumahs sind seine Autobiographie, der 1965 erstmals erschienene Band „Consciencism“, den er selbst als die Zusammenfassung seiner philosophischen Positionen sah, sowie die Schrift „Africa Must Unite“, in der er 1963 sein Programm für die Einheit des Kontinents formulierte. Seine Autobiographie, die im Jahr der Unabhängigkeit Ghanas veröffentlicht wurde, ist ein Akt der Selbstinszenierung und der Neuinterpretation der Umwelteinflüsse, die ihn geprägt haben. In seinen Schilderungen der Verhältnisse in seinem Heimatdorf spricht er nur selten von den Traditionen der Nzima (wie es ethnographisch korrekt wäre), häufiger von den Akan-Völkern und am liebsten gleich von „afrikanischen Traditionen“. Indem er die Bedeutung der Stammeszugehörigkeit herunterspielt, deutet er sein künftiges politisches Programm an. Polemisch geht er mit den von den Briten seit den 1920er Jahren besonders protegierten traditionellen afrikanischen Führern, den Chiefs, und seinen politischen Gegnern in Aschanti, aber auch allen modernisierungsfeindlichen Kräften im Lande ins Gericht. Er stellt sich auf den Boden der parlamentarischen Demokratie nach britischem Muster, schreibt von einer sozialistischen Zukunft für Ghana, wirbt aber zugleich um Investitionen aus dem westlichen Ausland.

David Apter hat in seiner Studie “Ghana in Transition“ den Weg des afrikanischen Landes von einer von Stämmen geprägten Kolonie zu einem modernen, demokratischen Staat nachzuzeichnen versucht. Dafür mussten ihm zufolge vier verschiedene Traditionen gebündelt werden: der Panafrikanismus; die afrikanische Tradition, symbolisiert in Riten und Chiefs als Personen und Machtfaktoren; und sozialistische sowie liberal-demokratische Traditionen. Genau auf diese Weise ging Nkrumah vor. Er nahm den Chiefs in der maßgeblich von ihm mitgestalteten Verfassung von 1954 ihre politische Rolle, knüpfte aber an ihre Traditionen an, indem er sich selbst mit der Aura eines neuen obersten Herrschers umgab.

Mit seiner Schrift „Consciencism“ wollte Nkrumah seinen Ruhm als Philosoph und Theoretiker begründen – just zu dem Zeitpunkt, als die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen seiner Regierung das Land in die größte ökonomische und politische Krise seit der Unabhängigkeit geführt hatten. Neben einer breiten Rezeption griechischer, deutscher und französischer Philosophie entwickelt er eine Linie von der traditionellen, kommunalistisch geprägten afrikanischen Gesellschaft über Kolonialismus und Neokolonialismus bis zu einer künftigen sozialistischen Gesellschaft.

Laut Nkrumah beruhte die traditionelle afrikanische Gesellschaft auf völliger Gleichheit, Klassengegensätze und Klassenkämpfe habe es nicht gegeben. Erst in der Berührung Afrikas mit den Kolonialmächten sei es zur Entstehung von Klassen gekommen. Seine Zukunftsvision ist eine sozialistische Gesellschaft auf nationaler Ebene, ja für den ganzen Kontinent. Doch zunächst müssten Kolonialismus und Neokolonialismus bekämpft werden. Allerdings werde die neue Gesellschaft „vom Kolonialismus die Elemente übernehmen, die den Interessen der Bevölkerung entsprechend angepasst werden können, wie industrielle Produktion und Wirtschaftsorganisation“.

Rainer Tetzlaff hat schon vor Jahren kritisiert, der „Nkrumahismus“ und insbesondere die Schrift „Consciencism“ seien ohne funktionalen Wert für Ghanas Entwicklung gewesen. Natürlich muss sich Nkrumah daran messen lassen, wie weit seine Philosophie Leitbild für die reale Entwicklung des Landes geworden ist. Schließlich war er Präsident und kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Doch die ideologischen Eckpunkte, die Nkrumah in seinen theoretischen Schriften formuliert hat, standen durchaus in Beziehung zu seiner konkreten Politik, gerade auch zu seinen Fehleinschätzungen. Sein ideologisches Konstrukt einer einheitlichen, nahezu konfliktfreien vorkolonialen Kultur in Afrika, das Ignorieren der ethnischen Identitäten und Gegensätze, aber auch sein Glaube an technisch- naturwissenschaftlichen Fortschritt westlicher Prägung und an die Bedeutung von Bildung haben seine Wirtschaftspolitik bestimmt. Schon in der Zeit der inneren Selbstverwaltung hatte Nkrumah auf die Gründung von Universitäten und auf Industrialisierung gesetzt. Nach der Unabhängigkeit gewann die strategische Entwicklungsplanung für seine Regierung noch größere Bedeutung.

Um den Zweiten Fünf-Jahres-Entwicklungsplan auszuarbeiten, holte Nkrumah den renommierten Entwicklungsökonomen und späteren Nobelpreisträger Arthur Lewis ins Land. Leitgedanken des Planes waren Industrialisierung und Modernisierung der Gesellschaft. Die ländliche Entwicklung wurde sträflich vernachlässigt, obwohl die Kakaobauern mit ihren Exporterlösen die Hauptfinanzierungsquelle des gesamten Planes waren. Die Förderung der Landwirtschaft war für Nkrumahs Planer nur in Form von Großfarmen vorstellbar, der kleinbäuerliche Sektor blieb unbeachtet. Wie erst nach Lewis Tod bekannt wurde, warnte er Nkrumah vor den wirtschaftlichen Gefahren der industriellen Großprojekte. Darin, dass man Ghanas Entwicklung über die Abschöpfung der Weltmarkterlöse der Kakaobauern finanzieren müsse, stimmte Lewis aber mit Nkrumah überein.

Das größte Prestigeprojekt war der Bau des Volta-Stausees zur Erzeugung von Wasserkraft. Der Plan stammte noch aus der Kolonialzeit. Das historische Paradox ist, dass Nkrumah als glühender Nationalist und Antiimperialist dieses Projekt übernahm und beschleunigt umsetzte – zu extrem ungünstigen Konditionen. Ghana musste hohe Kredite aufnehmen, die Staatsverschuldung wuchs ebenso wie die Abgabenlast für die Kakaobauern – alles Ursachen für Nkrumahs späteren Sturz. 78.000 Menschen wurden innerhalb kürzester Zeit ohne Rücksicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit umgesiedelt; ein Ausfluss von Nkrumahs Vorstellung, dass das neue Ghana ethnische Identitäten ignorieren könne. Im Januar 1966 schaltete Nkrumah offiziell den ersten Generator des Kraftwerks an. Wenige Wochen später wurde er gestürzt. Für Ghana folgte eine Periode beispiellosen wirtschaftlichen Niedergangs.

Bleibt die dritte wegweisende Schrift „Africa Must Unite“. Die politische Einheit Afrikas war für ihn stets ein vorrangiges Ziel. Kurz nach der Unabhängigkeit richtete er in Accra die „All-African Peoples Conference“ aus. 1961 schloss sich Ghana mit Guinea und Mali zu der – allerdings kurzlebigen – Konföderation „Union of African States“ zusammen. Ghana war auch an den Vorbereitungen zur Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) in Addis Abeba 1963 beteiligt. „Africa Must Unite“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schaffung einer staatlichen Einheit für ganz Afrika in der Form einer Föderation mit relativ konkreten verfassungsrechtlichen Überlegungen. „Für uns ist Afrika mitsamt seinen Inseln ein einziges Afrika. Wir verwerfen jeden Gedanken an irgendeine Art der Teilung des Kontinents.“ Das klang dann schon wie ein Vermächtnis, auch wenn der Autor noch im Amt war, als das Buch veröffentlicht wurde.

Über viele Jahre war Nkrumah außerhalb seiner Heimat, bei Intellektuellen in anderen afrikanischen Ländern, populärer als in Ghana. Im vergangenen Jahrzehnt ist er auch dort wieder entdeckt worden. Sicher: Seine Wirtschaftspolitik endete im Desaster, und seine theoretischen Schriften sind eine eklektische Mischung aus europäischer Philosophie und vereinfachender Interpretation der afrikanischen Realität. Außerdem waren ihm sein Personenkult und seine Überheblichkeit im Weg. Aber Nkrumah ist es gelungen, Menschen unterschiedlicher Herkunft, ohne Ansehen der ethnischen Zugehörigkeit, für seine Politik zu mobilisieren. Er hat damit zur Entwicklung einer nationalen Identität in Ghana beigetragen. Und er hat Menschen auf dem ganzen Kontinent für den Panafrikanismus begeistern können. Wenn daraus in Zukunft multiple Identitäten wachsen können, also ein Nationalstolz, ohne ethnische Identitäten zu leugnen, dann hätte er eine wichtige Rolle in der postkolonialen Transformation gespielt.

https://www.welt-sichten.org/artikel/3618/industrialisierung-mit-dem-geld-der-kleinbauern

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Zurück in der Kreditfalle: 2011 erreichte Ghanas Wachstum mit 14 Prozent die höchste Rate weltweit. Im Vertrauen auf dieses Wachstum konnte Ghana in großem Stile neue Kredite aufnehmen, um bestehenden Entwicklungsherausforderungen zu begegnen. Extern sind die Weltmarktpreise für wichtige Exportgüter wie Gold und Öl gefallen, und das reduziert die Deviseneinahmen, die Ghana braucht, um Auslandskredite zu bedienen. Zugleich steigen die Preise wichtiger Importgüter. Lebensmittel und Treibstoff werden importiert, denn im Land wird nicht genug produziert. Dazu haben Billigexporte von Lebensmitteln aus der EU beigetragen, die heimische Anbieter verdrängt haben. Die Schulden- und Finanzkrise Ghanas hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Heimische Banken stecken in einer Liquiditätskrise. Bis heute gibt es keine verlässlichen und geordneten Verfahren zur Lösung von Staatschuldenkrisen. Entwicklungs- und Schwellenländer wollten diese Lücke der internationalen Finanzarchitektur schließen und forderten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerks. Sie setzten sich aber nicht durch. Deutschland gehörte zu den wenigen Ländern, die sowohl gegen das Rahmenwerk als auch die Prinzipien stimmten.

Zurück in der Kreditfalle

04.11.2015 – von Clara Osei-Boateng, Kristina Rehbein

Meinung

Fallende Goldpreise belasten Ghana.

Fallende Goldpreise belasten Ghana.

Ghana galt lange als Beispiel für erfolgreiche Entwicklung nach dem multilateralen Schuldenerlass der HIPC-Initiative. Zehn Jahre danach wachsen die Probleme aber wieder. Die Weltgemeinschaft braucht Regeln, um Schuldenkrisen zu lösen.

2004 wurde Ghanas untragbar hohe Verschuldung im Rahmen der multilateralen HIPC-Initiative halbiert. Das Kürzel steht für „highly indebted poor countries“, die Entschuldungsinitiative wurde beim Kölner G7-Gipfel 1999 beschlossen. Freigewordene Mittel wurden in Armutsbekämpfung investiert. Die Armut konnte in Ghana im Vergleich zu den 1990er Jahren bald halbiert werden.

Leider ist das Land heute erneut kritisch verschuldet. Die Entwicklung verlief zunächst vielversprechend. 2007 konnte der westafrikanische Staat öffentliche Anleihen an den internationalen Kapitalmärkten platzieren. Die Seychellen waren der einzige andere Staat südlich der Sahara, dem das gelang. Ghana schien Investoren unter anderem wegen der Entdeckung des Jubilee-Ölfelds vor der Küste attraktiv. 2011 erreichte Ghanas Wachstum mit 14 Prozent die höchste Rate weltweit. Im Vertrauen auf dieses Wachstum konnte Ghana in großem Stile neue Kredite aufnehmen, um bestehenden Entwicklungsherausforderungen zu begegnen.

Das rächt sich nun. Die öffentlichen Schulden betragen rund 71 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – fast wie vor HIPC.

Dass es soweit gekommen ist, hat interne und externe Gründe. Intern sind hohe Lohnkosten im öffentlichen Dienst zu nennen, denn eine neue Entgeltstruktur hat sie seit der Jahrtausendwende um das Dreifache steigen lassen. Vor den Wahlen wurden zudem übermäßige Ausgaben getätigt, die das Defizit anschwellen ließen.

Extern sind die Weltmarktpreise für wichtige Exportgüter wie Gold und Öl gefallen, und das reduziert die Deviseneinahmen, die Ghana braucht, um Auslandskredite zu bedienen. Zugleich steigen die Preise wichtiger Importgüter. Lebensmittel und Treibstoff werden importiert, denn im Land wird nicht genug produziert. Dazu haben Billigexporte von Lebensmitteln aus der EU beigetragen, die heimische Anbieter verdrängt haben.

Wertmäßig übersteigt die Wareneinfuhr nun die Warenausfuhr. Zudem ist der Kurs der nationalen Währung Cedi gesunken, was den Schuldendienst in Dollar teurer macht. Wenn die Schuldenkrise zu weiterer Abwertung führt, droht ein Teufelskreis.

Ghanas Regierung setzt weiter auf Kredite. Sie will neue Staatsanleihen emittieren, um die alten Schulden abzutragen. Der Haken an der Sache ist, dass sie nun höhere Zinsen zahlen muss, denn die Anleger beobachten die Lage.

Die Schulden- und Finanzkrise Ghanas hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Heimische Banken stecken in einer Liquiditätskrise. Sie geben Privatunternehmen allenfalls noch zu sehr hohen Zinsen Darlehen. Folglich werden kaum noch privatwirtschaftliche Investitionen getätigt. Die Wirtschaft schrumpft, Arbeitsplätze werden gestrichen, und wegen der schwachen Währung steigen die Lebenshaltungskosten. Die Bevölkerung spürt die Krise bereits.

Für zivilgesellschaftliche Organisationen wie SEND-Ghana ist die Verschuldung jetzt wieder ein Thema. Sie fordern von der Regierung mehr Rechenschaft und Transparenz. Sie stört, dass Geld aus Ghana abfließt, denn dieser Trend wird es unmöglich machen, die kürzlich beschlossenen Sustainable Development Goals der UN zu erreichen.

HIPC war eine einmalige Initiative. Bis heute gibt es keine verlässlichen und geordneten Verfahren zur Lösung von Staatschuldenkrisen. Entwicklungs- und Schwellenländer wollten diese Lücke der internationalen Finanzarchitektur schließen und forderten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerks. Sie setzten sich aber nicht durch.

Immerhin beschloss der Gipfel aber Prinzipien für eine effizientere Lösung von Schuldenkrisen. Deutschland gehörte zu den wenigen Ländern, die sowohl gegen das Rahmenwerk als auch die Prinzipien stimmten. Dieser Kurs ist gefährlich, denn wir brauchen internationale Kooperation. Sonst werden Schuldenkrisen wie die in Ghana wieder über Jahre hinweg verschleppt, und die Bevölkerung verarmt.

 

Clara Osei-Boateng arbeitet für die zivilgesellschaftliche Organisation SEND-Ghana / SEND-West Africa.
http://www.sendwestafrica.org/

Kristina Rehbein ist politische Referentin beim ökumenischen Netzwerk erlassjahr.de.
k.rehbein@erlassjahr.de

Die Achillesferse des ghanaischen ‘Wunders‘ liegt auf der Hand. Die weitere Entwicklung hängt an den dünnen Fäden der Weltkakaopreise, den ausländischen Kreditzuflüssen und nicht zuletzt an der inneren politischen Stabilität.

Ghana ist ein Lehrstück in Globalisierung

In der taz vom 21. 10. 87 heißt es über Rawlings:

Rawlings hat ein von der neuen Elite total ruiniertes Land übernommen und mit allem Realismus dem Volk gesagt: „Wir haben nichts mehr. Nicht einmal etwas für ein Geschenk. Wir haben bloß noch Tränen und unsere Arme. Also müßt ihr weinen und den dürren Boden bewässern. Ihr müßt die Hände gebrauchen und überall etwas anbauen… Wer Würde will, kann diese nicht als Hilfe geschenkt erhalten.“

 

1984, Quame Danso, Dorf in Ghana: Ein Häuptling mit seinem ganzen Stolz: seinen Söhnen, einem Gewehr und dem Kofferradio. Das auf den Europäer zum Teil idyllisch wirkende Leben auf dem Land war für die Einheimischen mit großen Härten verbunden.

Soweit die guten Vorsätze. Aber der mit revolutionärem Pathos angetretene Rawlings sah dann doch die „Hilfe“ des Internationalen Währungsfonds, eines Vorreiters der Globalisierung, als Rettungsanker an. Mit den Folgen, die überall in der Dritten Welt anzutreffen sind. Die Produktionsziffern verbesserten sich, die Lage von Volk und Staat nicht. In der taz vom 18. 6. 1988 schreibt Klaus Enderle:

Die Nahrungsmittelsituation – 1983 der entscheidende Faktor für die Hinnahme des ERP („Economic Recovery Programme“ des Internationalen Währungsfonds) in der Bevölkerung – hat sich zwar nachhaltig verbessert, doch ist das fast ausnahmslos auf die starken Regenfälle zurückzuführen.

Des weiteren wird (vom IWF, H.N.) verschwiegen, daß die beeindruckenden Wachstumszahlen nur auf Pump finanziert wurden. Der IWF hat sich durch sein Engagement zum Hauptgläubiger des Landes gemacht, der mittlerweile seine Kredite wieder eintreibt. 1987 flossen bereits wieder 140 Millionen Dollar an den Fonds zurück, 1988 werden es über 200 Millionen sein. Ohnehin droht die Schuldensituation das Wachstum der vergangenen Jahre wieder aufzufressen. Die gesamte Auslandsverschuldung, die sich auf 2,7 Milliarden Dollar summiert, verschlingt bereits 63 Prozent der gesamten Exporteinnahmen.

An der Wirtschaftsstruktur Ghanas konnte und wollte das schuldenträchtige Umbauprogramm freilich nichts ändern. Die enorme Auslandsabhängigkeit wurde vielmehr zementiert, die binnenwirtschaftliche Produktion bleibt auch weiterhin diskriminiert. Die heutige Wirtschaftsstruktur Ghanas gleicht einem Fossil aus kolonialer Vorzeit. Ähnlich wie im Jahr 1910 ist Ghana heute mehr denn je vom Kakaoexport und damit von den Weltmarktpreisen abhängig. Die forcierte Kakaoproduktion hat dazu geführt, daß inzwischen 70 Prozent der Exporterlöse aus dem Kakaoexport erwirtschaftet werden, also gerade der Teil, der für den Schuldendienst an ausländische Gläubiger verwendet werden muß. Die gesamte Kakaoproduktion Ghanas erfolgt augenblicklich für das Ausland, und das bei gesunkenen Weltmarktpreisen und neuen Anbietern.

Die Achillesferse des ghanaischen ‘Wunders‘ liegt auf der Hand. Die weitere Entwicklung hängt an den dünnen Fäden der Weltkakaopreise, den ausländischen Kreditzuflüssen und nicht zuletzt an der inneren politischen Stabilität. Zwar konnten die Maßnahmen bislang noch ohne offenen Massenprotest umgesetzt werden, doch hat sich das Klima zunehmend verschärft. Das bekommen insbesondere die Gewerkschaften zu spüren.

Das Schuldenkarussell droht sich zunehmend auch in Ghana nach dem altbekannten Muster zu drehen: Anpassungspolitik, Popularitätsverlust der Regierung – politische Unzufriedenheit. Was letztlich bleibt, ist eine verschärfte Repression.

In der taz vom 5. 12. 95 wird berichtet, daß der ehemalige Revolutionär Rawlings versucht, Ghana zum privilegierten Partner der USA in Westafrika zu machen.

Auf seiner USA-Reise (…) offerierte Rawlings allen US-Schwarzen die ghanaische Staatsbürgerschaft, als sei Ghana die Heimat aller Sklavenabkömmlinge. Kaum ein Land der Region bietet sich so inbrünstig ausländischen Investitoren an – und anderen Interessenten aus der USA. In Cape Coast fahren Adventisten in glitzernden Geländewagen herum, die „Kirche der Heiligen der Letzten Tage“ hat ein neues Gebetshaus, und am Strand baut gerade die „Pentecostal Church“. Taxen fahren vorbei mit Aufklebern wie „Peace in Jesus“ und der US-Fahne.

13 Jahre nach dem Beginn des Strukturanpassungsprogramm des IWF schreibt Uwe Kerkow in der taz (10.12.96):

Unter seiner Herrschaft wurde Ghana der Musterschüler von IWF und Weltbank, da es die Strukturanpassungsprogramme rigoros umsetzte. Ein Wirtschaftswachstum von über fünf Prozent bis in die 90er schienen Rawlings Programm recht zu geben.

Doch heute herrscht Krisenstimmung in Ghana. Fast 70 Prozent Inflation, Auslandsschulden von fünf Milliarden US-Dollar, ein auf drei Prozent vermindertes Wirtschaftswachstum, ungehemmter Raubbau an den natürlichen Ressourcen des Landes und eine Infrastruktur, die immer noch auf den Export von Gold, Kakao und Holz ausgerichtet ist, können von dem derzeitigen Goldboom und den damit erzielten Gewinnen nicht aufgefangen werden.

Eine durchdachtere Privatisierungspolitik wird immer wieder angemahnt. Eine zu rasche Senkung der Importzölle hatte die einzige ghanaische Batteriefabrik in den Ruin getrieben. Die heimische Textilindustrie wird zur Zeit durch Altkleiderimporte aus der „Ersten Welt“ zerstört. Und Mitte des Jahres hatte die Regierung von Rawlings – auf Druck der Weltbank – den inländischen Rohölmarkt für Ölmultis freigegeben. Damit wurden die Subventionen für die Beninpreise aufgehoben.

Ein Anfang dieses Jahres erschienener – mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellter – offizieller Armutsbericht spricht davon, daß 30 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Rawlings neue Regierung wird nur einen minimalen Handlungsspielraum haben.

http://www.noth.net/c111rawlings.htm

In den 80er-Jahren wurde der Kakaoanbau aufgrund restriktiver Vorgaben des Weltwährungsfonds und der Weltbank intensiviert und industrialisiert. Dies führte zur massenhaften Entlassung von Arbeitskräften und durch das erhöhte Angebot sanken die Weltmarktpreise. Für die armen Landarbeiter in Ghana bedeuten die sinkenden Weltmarktpreise Arbeitslosigkeit, viele Tausend Ghanaer sind wegen der dramatischen Einkommensverluste einfach verhungert!

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Kaffee & Kakao

„Kaffee trinken“ ist für viele Millionen Menschen das Synonym um eine Pause zu machen (Kaffeepause). Kaffee ist (nicht nur) in Deutschland das beliebteste Getränk. Pro Kopf kommen wir jährlich auf 164 Liter. Das ist fast doppelt so viel wie wir an Erfrischungsgetränken oder Mineral- und Quellwasser zu uns nehmen. Was für die Erwachsenen der Kaffee ist, ist für die Kinder der Kakao. Die Kakaobohne ist der Grundstoff für die Produktion von Schokolade.

Für uns Deutsche ist Kakao eine überaus wichtige Frucht, wir sind nach den Schweizern, Vizeweltmeister im Konsum von Schokolade (8,8 kg pro Kopf; Zahlen von 1995). Haben der Kaffee- und Kakaoanbau in den Tropenländern eine ähnlich segensreiche Wirkung wie der Genuß von Schokolade und Kaffee bei uns?

Preisverfall

80 Prozent der weltweit 25 Millionen Kaffeefarmer sind Kleinbauern, die unter ihren Produktionskosten von 80 bis 90 US-Cent pro Pfund arbeiten. Im Oktober 2004 wird ein Pfund Rohkaffee an internationalen Warenbörsen für 60 US-Cent gehandelt.

Nein. Der afrikanische Staat Ghana beispielsweise bestreitet 70 Prozent seiner Exporterlöse mit Kakao und beschäftigt(e) mehr als 600.000 Familien in diesem Bereich. In den 80er-Jahren wurde der Kakaoanbau aufgrund restriktiver Vorgaben des Weltwährungsfonds und der Weltbank intensiviert und industrialisiert. Dies führte zur massenhaften Entlassung von Arbeitskräften und durch das erhöhte Angebot sanken die Weltmarktpreise.

Für die armen Landarbeiter in Ghana bedeuten die sinkenden Weltmarktpreise Arbeitslosigkeit, viele Tausend Ghanaer sind wegen der dramatischen Einkommensverluste einfach verhungert!

Egal ob Kaffee, Kakao oder andere landwirtschaftliche Produkte aus armen Ländern: sinken die Weltmarktpreise, dann sind zuerst die Plantagenarbeiter in den produzierenden Ländern betroffen. Geringere Löhne und Kinderarbeit sind die Folge. Auf Sisal-, Kaffee-, oder Kakaoplantagen, die für unseren Bedarf produzieren, häufen sich die Fälle von Kindersklaverei.

Umgekehrt entwickelt sich die Situation in den Abnehmerländern: Musste ein Industriearbeiter 1958 noch vier Stunden für ein Pfund Kaffee arbeiten, sind es heute noch 20 Minuten!

(Quelle: Werkstatt Materialien: Das erste Ma(h)l von Jürgen Wolters und Tammy Chang)

http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/kaffee-kakao.htm

Die Wirtschaft in Ghana wächst zwar anhaltend, es hat sich aber noch keine nachhaltig tragfähige Wirtschaftsstruktur entwickelt. Das Land ist abhängig vom Export von Gold, Kakao, Tropenholz und seit 2010 auch Erdöl. So leben die Ghanaer, die immer noch mehrheitlich in der Landwirtschaft arbeiten, mit dem ständigen Risiko schwankender Weltmarktpreise.

Projektpartner | Ghana

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Das westafrikanische Ghana ist mit seiner demokratischen Gesellschaftsentwicklung ein positives Beispiel für Länder auf der ganzen Welt.

Ghana4Das Küstenland grenzt im Westen an die Elfenbeinküste, im Norden an Burkina Faso und im Osten an Togo. Es herrscht ein relativ gleichmäßiges, tropisches Klima und die Landschaft ist geprägt von Savanne. Der größte Fluss des Landes, der Volta River, wurde bei Akosombo zu einem der größten künstlichen Seen der Erde aufgestaut. Die Bevölkerung Ghanas wuchs in den vergangenen Jahrzehnten rasant und wird heute auf 24,0 Mio Einwohner geschätzt. Es existieren ca. 75 ethnische Gruppen, was auch dazu führt, dass neben der Landes- und Amtssprache Englisch noch weitere Verkehrssprachen, wie z.B. Twi, Ga, Ewe oder Nzema verbreitet sind.

Ghana3Einen Staat namens Ghana gab es bereits vom 4. bis zum 11. Jahrhundert – allerdings auf dem Gebiet des heutigen Mali. Das heutige Staatsgebiet zählte über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zu den verschiedensten afrikanischen Staaten. Erst seit Beginn der entbehrungsreichen Kolonisierung durch England bestehen die noch heute vorherrschenden Landesgrenzen. Wie in vielen anderen afrikanischen Staaten auch, kam es in Ghana Anfang der 90er Jahre zu einer Demokratisierungswelle. Seitdem gilt das Land sowohl politisch, als auch wirtschaftlich als Musterbeispiel für eine positive Entwicklung.

Ghana1

Die Wirtschaft in Ghana wächst zwar anhaltend, es hat sich aber noch keine nachhaltig tragfähige Wirtschaftsstruktur entwickelt. Das Land ist abhängig vom Export von Gold, Kakao, Tropenholz und seit 2010 auch Erdöl. So leben die Ghanaer, die immer noch mehrheitlich in der Landwirtschaft arbeiten, mit dem ständigen Risiko schwankender Weltmarktpreise. Gerade beim Anbau von Kakao bietet hier der Faire Handel durch garantierte Mindestpreise und stabile Handelsbeziehungen eine willkommene Alternative für Kleinbauern. Fair gehandeltes Kunsthandwerk aus Ghana ermöglicht es den Produzenten, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig die reichhaltige ghanaische Kultur zu erhalten.

http://www.el-puente.de/fairtrade/de/9,,info,html_land,,GH/Unsere-Partner/Projektuebersicht/Ghana.html

Hohe Wachstumszahlen verschleiern die Schwäche: «Sogar Zahnstocher müssen wir importieren», ereifert sich Ökonom Kwakye, «das darf doch nicht sein!» Fastfood-Restaurants KFC in Accra. Die Marke, das Fleisch, das Besteck – alles wird importiert.

Ghanas grösste Hürde zum Schwellenland

Ghanas Wirtschaft brummt – zumindest erwecken die Wachstumszahlen diesen Eindruck. Doch ein Blick auf den Fastfood-Anbieter KFC zeigt: da gibt es ein Problem.


Ghana befindet sich am Übergang vom Entwicklungs- zum Schwellenland. Mit Wachstumsraten des BIP von 14.4% (2011) und 7.5% (2012/Schätzung Weltbank) liegt man global an der Spitze. Aber der Ökonom Dr. John Kwakye vom Institute of Economic Affairs in Accra warnt: «Weltbank und Währungsfonds loben Ghana, doch sie bewerten nur makroökonomischen Indikatoren, Inflation und Staatsdefizit. Das ist oberflächlich. Unser industrieller Sektor ist sehr schwach – denn wir stellen nichts her!»

Das bestätigt zum Beispiel ein Blick auf die Produkte des Fastfood-Restaurants KFC in Accra. Die Marke, das Fleisch, das Besteck – alles wird importiert. Zwar hat Ghana eine wachsende Industrie, die ein Viertel des Bruttoinlandproduktes ausmacht. Doch Wachstumstreiber sind die Rohstoffe – sie versorgen Ghana mit einem konstant fliessenden Strom von Devisen. Kakao, Gold und Erdöl haben zudem in den letzten Jahren von hohen Kursen profitiert.

«Sogar Zahnstocher müssen wir importieren», ereifert sich Ökonom Kwakye, «das darf doch nicht sein!»

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Dieser Beitrag wurde am 13. August 2013 von SRF 4 News gesendet – im Rahmen eines Schwerpunkts «Das Kriseln der Schwellenländer». Teile davon hatte ich bereits für die Kontext-Sendung «Erfolgsmodell Ghana» verarbeitet.

http://muel.ch/2013/09/09/ghanas-grosste-hurde-zum-schwellenland/

Ghana: Vom Musterschüler zum Sorgenkind: Ghana ist zu stark von Rohstoff-Einnahmen abhängig. Es fehlt eine Strategie, wie die Industrialisierung vorangetrieben werden könnte. Ein taugliches Mittel dazu könnte eine Kombination aus Protektionismus gegen aussen und Liberalisierung im Innern sein.

Ghana: Vom Musterschüler zum Sorgenkind

Die ghanaische Regierung plagen Geldsorgen – sie ersucht um Hilfe beim Internationalen Währungsfonds.

Ghana galt lange als afrikanisches Erfolgsmodell. Stabil, demokratisch und auf solidem Wachstumspfad. Doch nun häufen sich wirtschaftliche Probleme, die im Alltag spürbar sind, und die Menschen gehen gegen ihre Regierung auf die Strasse.

Die strukturellen Probleme Ghanas Wirtschaft, welche ich bereits im vergangenen Jahrerwähnt hatte, schlagen nun voll durch. Ghana ist zu stark von Rohstoff-Einnahmen abhängig. Es fehlt eine Strategie, wie die Industrialisierung vorangetrieben werden könnte. Ein taugliches Mittel dazu könnte eine Kombination aus Protektionismus gegen aussen und Liberalisierung im Innern sein. Politische Stabilität alleine genügt nicht.

In meinem Beitrag habe ich zu beleuchten versucht, wie die Probleme Ghanas entstanden sind.

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Dieser Beitrag wurde am 25. August in der Sendung «Echo der Zeit» von Radio SRF gespielt.