Ghana ist »weder hoffnungsloser Fall noch Aufstiegswunder«- Trotz Wachstum gibt es überall Armut und Unterentwicklung. Die Oberschicht, darunter Geschäftsleute, hohe Beamte und einige höhere traditionelle Chiefs, residiert in ausladenden Villen in den rasant zunehmenden »gated communities«. Ihre Kinder studieren in den USA oder Großbritannien. Die Arbeitslosigkeit in der rasch wachsenden jungen Bevölkerung ist hoch und der weitaus größte Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung ist im informellen Sektor beschäftigt. Krankheit führt schnell zu Beschäftigungs- und Einkommensverlust.

Ghana I: »Halb arm, halb reich«

von Maria Tekülve

Ghana: Erfolgreich, aber die Armut besteht fort

Das westafrikanische Ghana steht politisch, wirtschaftlich und auch hinsichtlich der Armutsbekämpfung relativ gut da. Seit wenigen Jahren erfüllt es den Status eines »Landes mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich«. Die Einkommensspreizung ist geringer als in den USA. Gleichzeitig leben viele Menschen unter äußerst prekären Bedingungen.

Die letzten ghanaischen Parlamentswahlen 2012 wurden international als frei und fair eingestuft. Im Ibrahim Index 2013 zu Regierungsführung in Afrika belegt das Land den guten siebten Rang von 52 Staaten. Die zuletzt zweistelligen Wachstumsraten werden für die kommenden Jahre mit etwa sieben Prozent prognostiziert. »No Longer Poor«, titelt eine Studie des Center for Global Development bereits. Tatsächlich stieg das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen nach Angaben der Weltbank von knapp 400 US-Dollar in den 1980er Jahren auf heute knapp 2.000 Dollar. Die Lebenserwartung liegt nun bei 65 Jahren. Lebte 1992 noch die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, so waren es 2006 »nur« noch 28 Prozent, die weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung hatten. Ghana und die internationale Gemeinschaft gehen insgesamt von einem weiteren Rückgang der Armut aus, wobei Disparitäten zwischen Nord und Süd, Land und Stadt sowie innerstädtischen Differenzierungen bestehen bleiben bzw. sich vergrößern werden.

Auch die Mittelschicht wächst. Je nach Definition umfasst sie laut Afrikanischer Entwicklungsbank 20 bis 47 Prozent der Bevölkerung. Im Alltag ist dies erkennbar am zunehmenden Auto- und Motorradverkehr, dem allgegenwärtigen Bauboom oder der wachsenden Verbreitung von Telefonen, Kühlschränken und Fernsehern. Die Geschäftigkeit in den Metropolen, insbesondere im reicheren Süden mit Greater Accra und der boomenden Zwillingsstadt Sekondi-Takoradi, ist nicht zu übersehen. Aber auch Städte im ärmeren Norden, darunter Wa und Tamale, strotzen vor Lebendigkeit.

Wo bleibt die Entwicklung?

Dennoch fragen sich viele GhanaerInnen: »Wo bleibt die Entwicklung?« Denn, so der Autor einer Zeitungskolumne im Daily Graphic: Trotz Wachstum – egal, wohin im Land er schaue, er sehe Armut und Unterentwicklung. Selbstkritisch konstatierte Präsident John Dramani Mahama 2013 in der Parlamentsrede zum aktuellen Haushaltsjahr: »Wir können als Nation nicht Erfolg haben, wenn wir halb arm und halb reich sind.« Ghana steht mit diesem Phänomen, der Gleichzeitigkeit von Wachstum und persistenter Armut, nicht alleine da. Das Land belegt nach UN-Angaben heute auf der Rangliste der »menschlichen Entwicklung« nur Rang 135 von 186.

Um sich von der weiter verbreiteten Armut in Ghana zu überzeugen, reicht bereits ein Gang durch die dicht besiedelten Viertel Accras mit stinkenden Abwasserkanälen; oder durch die unzähligen maroden Fischerdörfer an verunreinigten Stränden; oder ein Blick auf die vernachlässigten Dörfer an kaum passierbaren Sandwegen. An Accras Kreuzungen drängen sich BettlerInnen und StraßenverkäuferInnen, darunter Frauen mit Babys auf den Rücken und schweren Lasten auf dem Kopf, die den Tag über in brütender Hitze bei beißenden Abgasen schuften. Kinder und Jugendliche schlachten in den Randvierteln, in Rauchschwaden verbrennenden Plastiks gehüllt, den Elektroschrott der reichen Länder aus (vgl. den folgenden Artikel). In einem als »Sodom und Gomorra« bezeichneten Slumviertel leben Menschen, oft Zugewanderte, buchstäblich auf Kloaken.

Die Wirtschaftsstruktur bleibt notorisch fehlentwickelt. Der Landwirtschaftssektor dümpelt mit alten Methoden und vernachlässigter Infrastruktur vor sich hin. Die Abhängigkeit von den Weltrohstoffmärkten und ihren schwankenden Preisen für die Hauptexportprodukte Gold und Kakao ist unvermindert groß. Zwar ist der Anteil der Industrie am Bruttosozialprodukt seit 1987 von 16 Prozent um ein gutes Drittel auf 27 Prozent gestiegen. Aber der Anteil der verarbeitenden Industrie sank von zehn auf heute sieben Prozent. Im gleichen Zeitraum nahm die Landwirtschaft von 51 auf 23 Prozent ab, während Dienstleistungen von 33 auf 50 Prozent stiegen. Produkte wie Kakao oder Obst werden unverarbeitet in die Welt verschifft, die Wertschöpfung erfolgt in Übersee. Importe aus aller Welt dominieren selbst in kleinen Läden. Tomatenmark, das jeder Haushalt täglich verzehrt, kommt aus Italien und China, obwohl Tomaten überall in Ghana wachsen. Hähnchen aus Europa sind billiger und ansehnlicher verpackt als das lokale Geflügel. Saft von Orangen und Mangos stammt aus Südafrika und Österreich, obwohl sie lokal im Überfluss vorhanden sind.

Auch die Korruption wirft Schatten auf Ghanas Wirtschaft und Gesellschaft. Laut Transparency International liegt Ghana im Korruptionswahrnehmungsindex auf Rang 61 von 178 Ländern (zum Vergleich: Italien 69). Es spricht für die Regierung, die Rechnungshöfe und die Pressefreiheit, dass Fälle der so genannten »großen Korruption« (etwa der »Wyome-Case« 2012) Gegenstand heftiger öffentlicher und parlamentarischer Debatten sind. Für die Bevölkerung präsenter ist indes die »kleine Korruption«. Ohne die so genannten »fees« für öffentliche Dienste läuft nichts. Geschichten, wo eine Frau erst nach Zahlung von »tips« Hilfe bei der Entbindung bekommt, oder Polizisten am Straßenrand ein kleines »gift« als Weihnachtsbeitrag fordern, sind alltäglich.

Am unteren Ende

Statistisch bewegt sich die sozioökonomische Ungleichverteilung in Ghana laut dem World Fact Book mit einem Gini-Koeffizienten  von rund 40 im globalen Mittelfeld. Die Gesellschaft ist somit egalitärer als etwa in Südafrika oder den USA. Im Alltag zeigen die GhanaerInnen – unabhängig von der Schichtzugehörigkeit – eine ausgeprägte nationale Identität mit gegenseitiger Toleranz der verschiedenen Ethnien und Religionen.

Zugleich ist die Gesellschaft aber deutlich nach sozialen Schichten stratifiziert. Die Oberschicht, darunter Geschäftsleute, hohe Beamte und einige höhere traditionelle Chiefs, residiert in ausladenden Villen in den rasant zunehmenden »gated communities«. Ihre Kinder studieren in den USA oder Großbritannien. Die Mittelschicht lebt in Häusern am günstigeren Stadtrand. Die Unterschicht ist in sich noch einmal deutlich stratifiziert: Von Menschen, die als selbstständige Bäuerinnen und Bauern, Handwerker, Kioskbesitzer oder als angestellte FriseurInnen und Torwächter ein bescheidenes Leben knapp über dem Existenzminimum führen, bis zu den unzähligen StraßenverkäuferInnen in maroden Behausungen. Ihre Kinder besuchen weitgehend kostenfreie öffentliche Schulen – wo sie aber kaum das Einmaleins erlernen. Am untersten Ende der Skala stehen die Schrottsammler, Träger, Prostituierten und TagelöhnerInnen, einige von ihnen MigrantInnen aus Togo und der Elfenbeinküste, die der Willkür ihrer jeweiligen Herrschaften ausgeliefert sind.

Angesichts dieser Bedingungen sind dem Lohndumping kaum Grenzen gesetzt. Die Regierung hat 2012 die untere Lohngrenze auf umgerechnet 2,30 Euro pro Tag festgesetzt. Sie wird jedoch häufig unterschritten. So warb die internationale Firma Sunset Beach Resort im »Ghana Business & Finance« unverblümt mit der Schlagzeile »Investieren Sie in einen Badeort – mit Tageslöhnen von nur einem Dollar« um InvestorInnen.

Die Arbeitslosigkeit in der rasch wachsenden jungen Bevölkerung ist hoch und der weitaus größte Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung ist im informellen Sektor beschäftigt. Entsprechend ist nur ein Bruchteil durch das holprig – aber immerhin – im Aufbau befindliche staatliche Rentensystem SSNIT versichert. Die Mehrheit muss sich auf sich selbst und die Familie verlassen – die auch in Ghana nicht perfekt funktioniert. Krankheit führt schnell zu Beschäftigungs- und Einkommensverlust. Übliche Mietvorauszahlungen von einem Jahr führen zu Verschuldung mit hohen Zinsen. Alleinerziehende Mütter warten vergeblich auf Alimente der Väter. Die prekären Verhältnisse stellen sich in vielen Schattierungen dar.

Übertriebene Erwartungen

Nachdem der Status »Lower Middle Income Country« statistisch erreicht ist, strebt die Regierung in der kommenden Dekade den Status eines »Full Middle Income Country« an. Damit einher geht das explizite Ziel, die derzeit absolut noch beachtliche Entwicklungshilfe zu reduzieren. Dank zunehmender Eigeneinnahmen durch Exporte und Steuern sank deren relativer Anteil am Gesamthaushalt in den letzten Jahren auf unter fünf Prozent. Kommerzielle Kredite und zinsgünstige Darlehen gewinnen im Vergleich zu Zuschüssen an Bedeutung.

Zudem erweitert Ghana seine bereits guten Beziehungen zu den »neuen« globalen Mächten, allen voran China, das Kredite in Milliardenhöhe bereithält, aber auch zu Südkorea, Indien, Brasilien oder der Türkei, mit denen rege Handelsbeziehungen bestehen. Das Verhältnis zu Deutschland ist ebenfalls aktiv. Regelmäßig finden gegenseitige Besuche auf hoher politischer Ebene statt, jährlich werden Handelsmessen in Accra abgehalten und das Niveau an Entwicklungszusammenarbeit ist mit über 50 Millionen Euro pro Jahr an zinsvergünstigten Darlehen und Zuschüssen hoch.

Ghanas Wachstumsprognosen sind insgesamt positiv, die Armutsraten sinken. Aber die Hochglanzstatistiken führen im Inland und Ausland zu übertriebenen, kontraproduktiven Erwartungen. Ghana ist, wie der Entwicklungsökonom Robert Kappel dies für eine Reihe afrikanischer Länder beobachtete, »weder hoffnungsloser Fall noch Aufstiegswunder«. Strukturell bleiben eine Reihe von Unwägbarkeiten und Herausforderungen. Der Weg zum »Full Middle Income Country« ist kein Selbstläufer, ebenso wenig eine breite Armutsreduzierung. Ein differenzierter, armutsorientierter Ansatz wird erforderlich sein, um prioritär die Armut und unsicheren Lebensverhältnisse zu reduzieren.

 

Literatur

African Development Bank Group (2011): The Middle of the Pyramid: Dynamics of the Middle Class in Africa. AfDB Market Brief, http://www.afdb.org

Robert Kappel (2013): Afrika: weder hoffnungsloser Fall noch Aufstiegswunder. Giga-Fokus Nr.9. http://www.giga-hamburg.de/giga-focus

Carola Lentz/ Godwin Kornes (2011): Staatsinszenierung, Erinnerungsmarathon und Volksfest: Afrika feiert 50 Jahre Unabhängigkeit. Frankfurt

Henning Melber (2013): Nicht Neues aus Afrika. Der Zusammenhang von Rohstoffreichtum und Armut. In: iz3w 336, S. D12-D13

Todd Moss/ Stephanie Majerowicz (2012): No longer Poor: Ghana’s New Income Status and Implications of Graduation from IDA. Center for Global Development. ww.cgdev.org

Ministry of Finance and Economic Development: http://www.mofep.gov.gh

World Bank (2011): Republic of Ghana. Tackling Poverty in Northern Ghana

 

Maria Tekülve ist Mitarbeiterin des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie lebte in Sambia, Südafrika und zuletzt in Ghana. Der Artikel gibt ihre persönliche Meinung wieder.

https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/342_tuerkei/ghana

ARMUTSFORSCHUNG IN DER NÖRDLICHEN REGION GHANAS

Armut ist eine starre Realität in Ghana, speziell im nördlichen Teil des Landes. Statistiken aus der „Ghana Living Standards“ Umfrage (2007) zeigen, dass 18,2% der ghanaischen Bevölkerung als „extrem arm“ gelten und sich daher nicht einmal ihre Grundnahrungsmittel leisten können. Das Phänomen der Armut wird speziell in den abgelegenen Dörfern im Norden noch ernster und lebensbedrohender wahrgenommen als anderswo, da Armut hier vermehrt anzutreffen ist. Nach Daten des ghanaischen Amts für Statistik (2004) ist der Norden eine der drei ärmsten Regionen in Ghana mit sieben von zehn Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Ländliche Armut grenzt an viele weitere Themenbereiche, wie Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, Generierung von Einkommen, und vielen anderen, an.

 

Im Einklang mit der Verpflichtung der Einhaltung der Millenium Development Goals bis zum Jahr 2015 (insbesondere die Armutsreduktion) entwarf die ghanaische Regierung 2007 ihre Strategie zum sozialen Schutz (National Social Protection Strategy) mit der Strategie „Lebensunterhalt Empowerment gegen Armut“ (LEAP) als Sprungbrett. Nach fünf Jahren der Umsetzung als Pilotprojekt konnte jedoch keine signifikante Verringerung der Armut in den umsetzenden Regionen festgestellt werden. Diese Studie liefert eine empirische Auswertung des LEAP Programmes der Regierung Ghanas, das als soziale Schutzmaßnahme gegen die hohe Armutsrate, die speziell im Norden des Landes herrscht, entwickelt wurde.

http://www.braveaurora.com/Pages/de/Projekt-Guabuliga/Ueberblick/Armut-in-Ghana/Armut-in-Ghana.aspx

Zurück in der Kreditfalle: 2011 erreichte Ghanas Wachstum mit 14 Prozent die höchste Rate weltweit. Im Vertrauen auf dieses Wachstum konnte Ghana in großem Stile neue Kredite aufnehmen, um bestehenden Entwicklungsherausforderungen zu begegnen. Extern sind die Weltmarktpreise für wichtige Exportgüter wie Gold und Öl gefallen, und das reduziert die Deviseneinahmen, die Ghana braucht, um Auslandskredite zu bedienen. Zugleich steigen die Preise wichtiger Importgüter. Lebensmittel und Treibstoff werden importiert, denn im Land wird nicht genug produziert. Dazu haben Billigexporte von Lebensmitteln aus der EU beigetragen, die heimische Anbieter verdrängt haben. Die Schulden- und Finanzkrise Ghanas hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Heimische Banken stecken in einer Liquiditätskrise. Bis heute gibt es keine verlässlichen und geordneten Verfahren zur Lösung von Staatschuldenkrisen. Entwicklungs- und Schwellenländer wollten diese Lücke der internationalen Finanzarchitektur schließen und forderten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerks. Sie setzten sich aber nicht durch. Deutschland gehörte zu den wenigen Ländern, die sowohl gegen das Rahmenwerk als auch die Prinzipien stimmten.

Zurück in der Kreditfalle

04.11.2015 – von Clara Osei-Boateng, Kristina Rehbein

Meinung

Fallende Goldpreise belasten Ghana.

Fallende Goldpreise belasten Ghana.

Ghana galt lange als Beispiel für erfolgreiche Entwicklung nach dem multilateralen Schuldenerlass der HIPC-Initiative. Zehn Jahre danach wachsen die Probleme aber wieder. Die Weltgemeinschaft braucht Regeln, um Schuldenkrisen zu lösen.

2004 wurde Ghanas untragbar hohe Verschuldung im Rahmen der multilateralen HIPC-Initiative halbiert. Das Kürzel steht für „highly indebted poor countries“, die Entschuldungsinitiative wurde beim Kölner G7-Gipfel 1999 beschlossen. Freigewordene Mittel wurden in Armutsbekämpfung investiert. Die Armut konnte in Ghana im Vergleich zu den 1990er Jahren bald halbiert werden.

Leider ist das Land heute erneut kritisch verschuldet. Die Entwicklung verlief zunächst vielversprechend. 2007 konnte der westafrikanische Staat öffentliche Anleihen an den internationalen Kapitalmärkten platzieren. Die Seychellen waren der einzige andere Staat südlich der Sahara, dem das gelang. Ghana schien Investoren unter anderem wegen der Entdeckung des Jubilee-Ölfelds vor der Küste attraktiv. 2011 erreichte Ghanas Wachstum mit 14 Prozent die höchste Rate weltweit. Im Vertrauen auf dieses Wachstum konnte Ghana in großem Stile neue Kredite aufnehmen, um bestehenden Entwicklungsherausforderungen zu begegnen.

Das rächt sich nun. Die öffentlichen Schulden betragen rund 71 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – fast wie vor HIPC.

Dass es soweit gekommen ist, hat interne und externe Gründe. Intern sind hohe Lohnkosten im öffentlichen Dienst zu nennen, denn eine neue Entgeltstruktur hat sie seit der Jahrtausendwende um das Dreifache steigen lassen. Vor den Wahlen wurden zudem übermäßige Ausgaben getätigt, die das Defizit anschwellen ließen.

Extern sind die Weltmarktpreise für wichtige Exportgüter wie Gold und Öl gefallen, und das reduziert die Deviseneinahmen, die Ghana braucht, um Auslandskredite zu bedienen. Zugleich steigen die Preise wichtiger Importgüter. Lebensmittel und Treibstoff werden importiert, denn im Land wird nicht genug produziert. Dazu haben Billigexporte von Lebensmitteln aus der EU beigetragen, die heimische Anbieter verdrängt haben.

Wertmäßig übersteigt die Wareneinfuhr nun die Warenausfuhr. Zudem ist der Kurs der nationalen Währung Cedi gesunken, was den Schuldendienst in Dollar teurer macht. Wenn die Schuldenkrise zu weiterer Abwertung führt, droht ein Teufelskreis.

Ghanas Regierung setzt weiter auf Kredite. Sie will neue Staatsanleihen emittieren, um die alten Schulden abzutragen. Der Haken an der Sache ist, dass sie nun höhere Zinsen zahlen muss, denn die Anleger beobachten die Lage.

Die Schulden- und Finanzkrise Ghanas hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Heimische Banken stecken in einer Liquiditätskrise. Sie geben Privatunternehmen allenfalls noch zu sehr hohen Zinsen Darlehen. Folglich werden kaum noch privatwirtschaftliche Investitionen getätigt. Die Wirtschaft schrumpft, Arbeitsplätze werden gestrichen, und wegen der schwachen Währung steigen die Lebenshaltungskosten. Die Bevölkerung spürt die Krise bereits.

Für zivilgesellschaftliche Organisationen wie SEND-Ghana ist die Verschuldung jetzt wieder ein Thema. Sie fordern von der Regierung mehr Rechenschaft und Transparenz. Sie stört, dass Geld aus Ghana abfließt, denn dieser Trend wird es unmöglich machen, die kürzlich beschlossenen Sustainable Development Goals der UN zu erreichen.

HIPC war eine einmalige Initiative. Bis heute gibt es keine verlässlichen und geordneten Verfahren zur Lösung von Staatschuldenkrisen. Entwicklungs- und Schwellenländer wollten diese Lücke der internationalen Finanzarchitektur schließen und forderten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerks. Sie setzten sich aber nicht durch.

Immerhin beschloss der Gipfel aber Prinzipien für eine effizientere Lösung von Schuldenkrisen. Deutschland gehörte zu den wenigen Ländern, die sowohl gegen das Rahmenwerk als auch die Prinzipien stimmten. Dieser Kurs ist gefährlich, denn wir brauchen internationale Kooperation. Sonst werden Schuldenkrisen wie die in Ghana wieder über Jahre hinweg verschleppt, und die Bevölkerung verarmt.

 

Clara Osei-Boateng arbeitet für die zivilgesellschaftliche Organisation SEND-Ghana / SEND-West Africa.
http://www.sendwestafrica.org/

Kristina Rehbein ist politische Referentin beim ökumenischen Netzwerk erlassjahr.de.
k.rehbein@erlassjahr.de

Ghanas Niedergang in den 80er Jahren

Ghana 1984 – in die vorindustrielle Zeit zurückgefallen

Rette sich, wer kann …

Im Sommer 1984 machte ich eine Reise durch Togo, Ghana und Obervolta/Burkina Faso. In Ghana erlebte ich eine brutale Ausnahmesituation. Ausländer waren damals so gut wie keine im Land; ich selbst gelangte mit Hilfe zweier Freunde und Entwicklungshelfer hinein, mit denen ich die Verwandten der afrikanischen Frau des einen besuchte.

Das Land hatte seit der Unabhängigkeit 1957 einen stetigen Niedergang erlebt. Der Fliegerleutnant Jerry Rawlings hatte 1981 geputscht und mit seinem revolutionären Pathos zusätzliches Misstrauen der westlichen Länder erweckt. Die seit 1983 wieder vereinbarte „Hilfe“ internationaler Finanzorganisationen hatte noch nicht gegriffen. Das Land musste sich auch von einer katastrophalen Dürre noch erholen. Es lief kaum etwas; meist gab es keinen Strom, riesige Hotels, die leer standen und verfielen, besaßen kaum Glühbirnen, die hätten brennen können, wenn es doch einmal Strom gab und ein Gast sich ins Hotel verirrte. Von der Masse des Volkes ganz zu schweigen; auch Großstädte lagen Nachts im Dunkeln. An Landstraßen hingen Drähte von Strom- oder Telefonmasten zerrissen auf der Erde. An den Zapfsäulen der Tankstellen warteten Hunderte von Metern lange Schlangen. Da der Sprit – wenn einmal gerade vorhanden – nur an bestimmten Tagen an entweder gerade oder ungerade Autonummern ausgegeben wurde, stellten Angehörige der Mittelklasse ein Fahrzeug mit passender Nummer in die Schlange, während das andere, sofern es betankt war, fuhr. Straßen – billige Hilfsprojekte von Industrieländern – besaßen oft nur hauchdünne Teerdecken, die von Schlaglöchern übersät waren und von der Natur zurückerobert wurden. Ghana ist seit 1966 von einem Stausee durchschnitten, der die Länge von 2/3 des Landes hat. Er hatte in besseren Zeiten derStromerzeugung gedient. Vielleicht wurde auch 1984 noch etwas produziert. Den See mit Fahrzeugen zu überqueren war, als wir ankamen, aber nicht mehr möglich, weil die Fähren defekt waren und die Ersatzteile aus dem Ausland wegen der Zahlungsunfähigkeit des Landes nicht mehr kamen. Um auf die andere Seite des Sees, also in den anderen Landesteil zu kommen, hätte z. B. ein LKW unter Umständen Umwege von Hunderten von Kilometern über Schlaglochpisten fahren müssen – die LKWs waren oft in gotterbärmlichem Zustand. Das Land glich einem Museum. Es standen Fahrzeuge, Maschinen, elektrische Geräte und anderes herum, sie liefen aber meistens nicht.

Ghana war in eine Art Naturzustand zurückgeworfen. Auf dem Land arbeitete, aß, wohnte man wie 100 Jahre früher – nur dass ein Vielfaches an Bevölkerung vorhanden war. Ärmere Leute ernährten sich von einer Handvoll Fufu, einer kartoffelbreiartiger Masse, die es, in ein grünes Blatt eingewickelt, auch am Straßenrand zu kaufen gab. Dass Brennholz viele Meilen weit auf dem Kopf herbeigetragen werden musste, war freilich auch in den Nachbarländern zu sehen.

Ein Massenexodus nach Nigeria und andere benachbarte Länder hatte stattgefunden. Einmal hat Nigeria von heut‘ auf morgen eine Million Ghanaer ausgewiesen. Die Grenzen waren recht durchlässig; nahe der Großstadt Lomé (Togo) überschritten Hunderte von Fußgängern mit Einkaufskorb usw. täglich die Grenze. Kaum ein gewöhnlicher Mensch war dort im Besitz von Papieren – es ging für Einheimische ohne. Da die Grenzen willkürlich Stammesgebiete durchschneiden, wohnen hüben und drüben Verwandte, die niemand hindern konnte, zusammenzukommen.

Ein Tagelöhner verdiente ungefähr 500 Cedis im Monat. Ein Essen nach europäischem Standart kostete 300 Cedis, eine Handvoll Fufu 25. Eine Dose Schuhwichse 200, ein Schaf 2000 Cedis. Um sich eine Flugkarte nach Europa zu kaufen, hätte ein Tagelöhner sein ganzes Leben lang nur dafür arbeiten können – er hätte es nicht geschafft.

Rette sich, wer kann …

Während dieser Krise setzte auch ein Flüchtlingsstrom nach Europa ein, in Deutschland namentlich nach Westberlin. Junge Leute aus „wohlhabenden“ Schichten, die im Land keine Perspektive mehr sahen, reisten über den DDR-Flughafen Schönefeld nach Westberlin ein und beantragten meist politisches Asyl. Sie mussten für diese Reise ein – nach ghanaischen Maßstäben – mittelständisches Vermögen aufbringen. Da kaum einer anerkannt wurde, wurden sie nach wenigen Jahren wieder abgeschoben. Wenn es in dieser Zeit gelang, eine Schrottlaube zu erwerben und die Kosten für einen Transfer des Autos nach Ghana aufzubringen, galt der Aufenthalt in Deutschland als, wenn nicht erfolgreich, so doch auch nicht als Verlust. Wenn noch eine Stereoanlage mitgenommen werden konnte, war man hoch im Plus. Wer der Abschiebung durch eine Heirat mit Deutschen entgehen konnte, konnte natürlich zu mehr kommen. Soweit weiß ich es vom ghanaischen Freunden in Berlin, wo ich bis 86 wohnte.

Es kam damals auch zur Überschwemmung des Rotlichtmilieus durch ghanaische Frauen. Landsleute in Berlin schickten den Frauen (und auch Männern) das Flugticket – jetzt konnten auch ärmere kommen. Die Neuankömmlinge mussten die ausgehandelte Summe für die „Fluchthilfe“ nun abarbeiten und an den Mittelsmann und oft Zuhälter auszahlen.

In der taz vom 19.9.1985 berichteten Hildegard Meier und Helga Lukoschat aus Westberlin:

„Im Winter 84/85 kamen hier jede Woche 50 bis 100 Frauen aus Ghana an. (…) Ende der 70er Jahre hielten sich 62 Ghanaerinnen in Berlin auf, im Zeitraum 80/85 stieg ihre Zahl auf 800 an! Wieviele der Frauen, die in den letzten Jahren einreisten, von vorneherein zur Prostitution bestimmt waren oder hierzu veranlaßt wurden, läßt sich mit keiner Zahl belegen. Vielzusehr liegt der gesamte Bereich im eleganten Halbdunkel, als daß sich eine vollständge Statistik darüber führen ließe. 1984 waren der Berliner Polizei jedenfalls 150 ghanaische Frauen als Prostituierte bekannt.“

Die Frauen mussten als Illegale im Untergrund leben oder Deutsche heiraten, um bleiben zu können. „Der üblichste Weg scheint jedoch zu sein, den Frauen ’nahezulegen‘, einen Antrag auf politisches Asyl zu stellen. (…) Es bleibt den Frauen nichts anderes übrig, als den Anweisungen ihrer Kontaktpersonen, die vor den Behörden als Dolmetscher oder als vermeintliche oder wirkliche Angehörige auftreten, Folge zu leisten. Wird der Antrag nicht gleich als unbeachtlich gewertet und die Ausreise angeordnet, erfolgt nach zwei bis drei Monaten die ‚Verteilung‘ auf die westdeutschen Bundesländer. (…) Laut Statistik erhalten nur ein Prozent aller Ghanaischen Asylbewerberinnen die offizielle Anerkennung als politisch Verfolgte, 1984 war es von 1.403 Bewerbern/innen nur einer.“

Am Geschäft mit den Ghanaerinnen verdienten auch Deutsche kräftig:

„Ein Großteil des Geldes, das die Frauen erarbeiten, dürfte im allgemeinen in die Taschen der Zuhälter, Clubbesitzer, Wohnungsvermieter fließen, für Honorare, Schmiergelder und die Rückzahlung der Schulden. Viel kann es nach unseren Maßstäben nicht sein, was sie mit zurücknehmen können. Trotzdem ist es oft ausreichend, sich in Ghana eine materiell gesicherte Existenz aufzubauen. (…) In Ghana setzt sich die Vorstellung, in Deutschland ‚auf einfachem Wege‘ zu Wohlstand zu kommen, immer weiter fort.“

Mitglieder der Alternativen Liste Berlin setzten sich damals vor startende Flugzeuge, um gegen Abschiebungen von Ghanaer/innen zu protestieren. Ich war Mitglied der Liste und ihres „Ausländerbereichs“, sah aber nach meiner Afrikareise – entgegen meinen bisherigen Ansichten – keinen Sinn mehr in solchem Protest. Die Ankömmlinge waren größtenteils keine politischen Verfolgten und schadeten denen, die wirklich auf politisches Asyl angewiesen waren. Mit dem Zustrom der Ghanaer/innen war niemandem gedient – außer in Deutschland den Zuhältern und in Ghana – vielleicht – den betreffenden Familien. Ghana als Ganzes hatte nichts davon, der Import von PKWs, Kühlschränken und Stereoanlagen verstärkte die Abhängigkeit und den falschen Entwicklungsweg, den ich bei meinem Aufenthalt im Land vor Augen gehabt hatte. Man hätte dem Land und seinen Menschen anders helfen sollen – auch anders, als es dann durch den Internationalen Währungsfonds geschah. Soviel und mehr Gründe einzuwandern als die Ghanaer in Berlin hatten Dutzende Millionen andere Menschen in Westafrika. Ähnliche Erfahrungen hatte ich schon bei mehreren Reisen in die Türkei gemacht. Mir kamen grundsätzliche Bedenken gegen die von der AL propagierte „freie Einwanderung“ und ich äußerte sie auch. Dann schlug mir Argwohn entgegen. Ich fand mich, wenn nicht in die Neonazi-, dann doch in die rechte Ecke gestellt. Darum und wegen anderer Ungereimtheiten der Großstadt emigrierte dann auch ich – zurück in meine Heimat.

Harald Noth

Afrikanische Migration: Die Ärmsten können nicht fliehen: Afrikaner fliehen vor allem wegen der Perspektivlosigkeit! Der senegalesische Präsident Macky Sall forderte eine Intensivierung des Kampfs gegen die Steuerhinterziehung sowie fairere Preise für den Abbau natürlicher Ressourcen in Afrika, was die Armut bekämpfen und den Kontinent aus der Abhängigkeit führen würde.

Afrikanische Migration
Die Ärmsten bleiben zu Hause
Vor dem Migrations-Gipfel in Malta hat die Uno vor Umweltkrisen in Afrika gewarnt. Die Gefährdung des Tschadsees werde bald weitere Völkerwanderungen auslösen. Das Beispiel trifft die Sachlage nicht.
  • von Markus M. Haefliger, Nairobi
  • 13.11.2015, 09:00 Uhr
  • 11 Kommentare
Bauern reiten auf ihren Kamelen zum Markt in der Stadt Bol am Tschadsee.

Bauern reiten auf ihren Kamelen zum Markt in der Stadt Bol am Tschadsee. (Bild: Christophe Ena / AP)

Die Uno hat die Region des Tschadsees als Brennpunkt zukünftiger Wanderungsbewegungen von Afrika nach Europa hervorgehoben. Alle Ursachen der Migration stiessen in dem Seebecken in der Sahelzone aufeinander, sagte der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, Toby Lanzer, am Sonntag. Lanzer äusserte sich im Hinblick auf den europäisch-afrikanischen Gipfel in La Valletta, der gemeinsame Antworten auf die Zunahme der irregulären Migration finden soll. Laut dem Uno-Verantwortlichen dürften die Klimaerwärmung, die den See austrocknen lässt, und militante Islamisten in Zukunft Zehntausende von Menschen zur Flucht drängen.

Ein See aus Tränen

Das Tschadsee-Becken ist ein Krisenherd, daran gibt es nichts zu deuteln. Zwei der vier Anrainerstaaten, Tschad und Niger, gehören zu den unterentwickeltsten Ländern der Welt und nehmen auf dem Uno-Index für menschliche Entwicklung von 187 aufgeführten Staaten die Ränge 184 und 187 ein. Für die zwei anderen, Kamerun und Nigeria, liegt das Gebiet in vernachlässigten Randregionen. Laut der Umweltorganisation der Uno (Unep) hängen 30 Millionen Menschen von den Ressourcen des Sees ab; die Bevölkerung verdoppelt sich alle 20 Jahre, der Druck auf die Umwelt ist entsprechend hoch.

Dazu kommen die Angriffe der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram. Nach dem Sturm auf die nigerianische Stadt Baga vor fast einem Jahrflüchteten Tausende von Bewohnern in Booten oder watend nach Baga Solo in Tschad. In der Nähe eines Uno-Flüchtlingslagers rissen vergangenen Sonntag Selbstmordattentäter zwei Personen mit sich in den Tod. Tschad hat seither die Nachbarstaaten der Region um zusätzlichen militärischen Beistand gebeten.

Wenn Armut und Verzweiflung die Hauptgründe wären, weshalb sich Afrikaner Menschenschmugglern anvertrauen, die sie auf gefährlichen Wegen durch die Wüste und über das Meer nach Europa bringen, müsste man unter ihnen schon jetzt viele Bewohner des Tschadsee-Beckens finden. Das ist aber nicht der Fall. Unter den irregulären Migranten, die über die Sahara die Mittelmeerküste erreichen, finden sich laut der International Organisation for Migration am häufigsten Gambier, Malier, Senegalesen und Ghanesen.

Ein verbreiteter Irrglaube

Die Aussage, je ärmer Afrikaner seien, desto eher neigten sie zur Auswanderung, beruht auf einem Denkfehler. Die Behauptung wird auch dadurch nicht wahrer, dass sie von afrikanischen Regierungen mit Unterstützung von Hilfsorganisationen ins Feld geführt wird, um zusätzliche Entwicklungsgelder einzufordern. Eine Studie aus dem Jahr 2013 fand sogar das Gegenteil heraus: in Afrika wächst der Drang zu emigrieren häufig mit dem Einkommen.

Im Unterschied zu anderen Untersuchungen berücksichtigen die Autoren nicht nur die sogenannten Push- und Pull-Faktoren der Migration (typischerweise Armut und mangelnde Perspektiven im Herkunftsland sowie Einkommensmöglichkeiten in Europa), sondern auch deren Kosten. Diese machen für einen westafrikanischen Migranten bis zur Ankunft in Lampedusa mindestens 2000 Dollar aus, für einen Eritreer oder Somalier 3000 Dollar – entsprechend mehr, wenn eine Reise scheitert und wiederholt wird. Die Ursachenkette verläuft allerdings nicht gradlinig. Absolute Armut hemmt die Migrationsneigung, die Wirkung kann aber durch Verwandtschaftsbeziehungen aufgehoben werden. Oft finanzieren Brüder und Cousins, die es nach Europa geschafft haben, die Reisen irregulärer Migranten.

Hirten treiben ihr Vieh über einen Zufluss des Tschadsees. Über die gleiche Route fliehen auch Nigerianer vor dem Terror von Boko Haram.
Frauen beim Wasserholen am Tschadsee. Der See bot einst rund 20 Millionen Menschen eine Lebensgrundlage. Seither ist die von ihm bedeckte Fläche um 90 Prozent geschrumpft.
Ein Fischer wirft sein Netz im Tschadsee aus. Von Jahr zu Jahr verkleinert sich die Fläche der Wasseroberfläche.

Die Uno hat die Region des Tschadsees als Brennpunkt zukünftiger Wanderungsbewegungen von Afrika nach Europa hervorgehoben. Am Südufer leben in Flüchtlingslager Nigerianer, welche vor dem Terror von Boko Haram aus ihrem Heimatland geflohen sind. Alle Bilder anzeigen

Vergleichende Forschungen ergeben, dass in Afrika und in asiatischen Auswanderungsländern wie den Philippinen die Emigration mit wachsendem Einkommen und Besitz zunimmt, in Lateinamerika aber abnimmt. Die Autoren der bereits genannten Studie begründen dies damit, dass in den untersuchten Herkunftsländern die Südamerikaner durchschnittlich vier Mal so viel wie Afrikaner und doppelt so viel wie Asiaten verdienen.

Die Einkommensunterschiede wirken sich etwa auf die Informationsmöglichkeiten von Migranten aus. Ein Internetzugang führt dazu, dass nicht absolute Armut, sondern Annahmen über relative Lebensqualität die Auswanderung antreiben. Senegals Auswanderungsminister Souleymane Jules Diop sagte kürzlich gegenüber der amerikanischen Zeitung «Wall Street Journal», seine Landsleute verliessen die Heimat «nicht, weil sie nichts haben, sondern weil sie mehr wollen». Während das Internet in Afrika vielerorts vermehrt genutzt wird, hinken ärmliche und politisch unruhige Gebiete hintennach – Gebiete wie die Tschadsee-Region.

Der britische Entwicklungsökonom Paul Collier stellt den Zusammenhang mit einer auf den Kopf gestellten U-Kurve dar. Die Ärmsten wollten auswandern, aber es fehle ihnen das Geld dazu; Wohlhabende könnten sich die Emigration leisten, würden dabei aber nichts gewinnen. «Diejenigen in der Mitte haben sowohl Anreiz als auch die Möglichkeit zur Auswanderung», schreibt Collier. Experten nennen oft ein durchschnittliches jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 7000 Dollar als die Einkommensschwelle, oberhalb deren die Migrationsneigung zurückgeht.

Der See verschwindet

Die Einwände machen die Umweltkrise in der Tschadsee-Region nicht ungeschehen; sie ist für sich allein genommen schlimm genug. Als die heutige Sahara von Savannen bedeckt war (bis vor etwa 7000 Jahren), mass der See über eine Million Quadratkilometer. Danach schrumpfte er und erreichte in neueren Zeiten, als er von europäischen Reisenden beobachtet werden konnte, eine über Jahrzehnte wechselnde Oberfläche von 10 000 bis 30 000 Quadratkilometern. Laut einer Unep-Studie sank der Seepegel jedoch vor 120 Jahren von rund 6 Metern über einem Bezugswert auf 3 bis 4 Meter ab, vor vierzig Jahren, nach einer Erholungsphase, erreichte er 2 bis 3 Meter, heute liegt er noch tiefer.

Der Tschadsee gibt Fachleuten Rätsel auf. Er hat keinen Ausfluss, versalzt aber auch nicht; offenbar, weil er unterirdisch mit Grundwasserströmen kommuniziert. Mit Tiefen von unter fünf Metern ist das Gewässer extrem seicht. Der Seegrund aus versteinerten Dünen bildet im flachen Seebecken im Norden und Osten Tausende Inseln; Ufer- und Feuchtgebiete wechseln sich ab. Weil die jährlichen Zuflüsse bis zu 85 Prozent des Wasservolumens ausmachen, sind Pegelmessungen unzuverlässig. Bleibt der Regen aus, schrumpft der See.

Futuristische Luftschlösser

Bewässerungsprojekte im Oberlauf des Chari und Logone, den wichtigsten Zuflüssen, haben dem Wasserhaushalt des Tschadsees zugesetzt. Auch der Yobe auf nigerianischer Seite wurde seit den siebziger Jahren vermehrt genutzt. Dazu bedrängen Viehherden die Vegetation, was die Niederschläge verringert. Die Ressourcen werden knapp, der Fischfang ging extrem zurück. Geografen wollen in den letzten Jahren eine gewisse Erholung beobachtet haben, die Regenmengen nehmen wieder zu. Als Idee geistert auch ein Kanal herum, der das Chari-Logone-Flusssystem mit dem südlich gelegenen Ubangi verbinden soll. Aber das Projekt dachte sich ein französischer Ingenieur schon in den 1920er Jahren aus. Es bleibt wohl auch in Zukunft ein frommer Wunsch.

Ein EU-Trust-Fund zur Bekämpfung der Fluchtursachen

In der maltesischen Hauptstadt Valletta ist am Donnerstag der zweitägigeMigrationsgipfel zwischen rund 60 Staats- und Regierungschefs aus Europa und Afrika zu Ende gegangen. EU-Rats-Präsident Donald Tusk, der den Gipfel präsidiert hatte, sprach von «einem wichtigen Schritt zur Stärkung der Kooperation». Man dürfe zwar nicht die Illusion haben, dass sich die Situation über Nacht verbessere, erklärte Tusk, doch müsse man Alternativen schaffen, damit die Menschen nicht mehr auf dem Weg nach Europa ihr Leben riskierten.

Konkret verabschiedeten die Gipfelteilnehmer einen 17-seitigen Aktionsplan. Dieser soll etwa mit mehr finanzieller Unterstützung im Entwicklungs-, Wirtschafts- und Umweltbereich die Fluchtursachen bekämpfen, über eine Verdoppelung der Stipendien für Studenten neue legale Einwanderungswege eröffnen sowie den Kampf gegen das Schlepperwesen intensivieren. Schliesslich sollen die Afrikaner auch eigene Staatsbürger, die in Europa kein Bleiberecht haben, effizienter und rascher wieder zurücknehmen. Allerdings beharrten die Afrikaner darauf, dass die Rückführungen wenn immer möglich auf freiwilliger Basis erfolgen.

Die Schweizer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, die ebenfalls am EU-Afrika-Gipfel teilnahm, erklärte, der Gipfel habe unter den Europäern das Bewusstsein gestärkt, dass die meisten Menschen der Perspektivenlosigkeit in ihrer Heimat entflöhen. Allerdings wandere die grosse Mehrheit der Afrikaner innerhalb des eigenen Kontinents aus, nur ein geringer Teil ziehe nach Europa. Daher gelte es, in Afrika neue Perspektiven zu schaffen, wozu auch ein verstärktes finanzielles Engagement Europas nötig sei.

Die Schweiz beteiligt sich darum mit 5 Millionen Franken an einem neuenEU-Trust-Fund für Afrika, der am Donnerstag von EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker und den EU-Regierungschefs besiegelt wurde. Die EU-Kommission stellt darin 1,8 Milliarden Euro bereit. Die EU-Staaten, die gemeinsam eigentlich ebenfalls 1,8 Milliarden sprechen sollten, haben bisher aber erst 78,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Mit dem Geld sollen Schlepper und Fluchtursachen bekämpft werden, Schwerpunkte sind die Sahelzone, die Tschadsee-Region, das Horn von Afrika und Nordafrika.

Der senegalesische Präsident Macky Sall begrüsste an einem gemeinsamen Auftritt mit Tusk die neue Kooperationsagenda. Allerdings forderte er auch eine Intensivierung des Kampfs gegen die Steuerhinterziehung sowie fairere Preise für den Abbau natürlicher Ressourcen in Afrika, was die Armut bekämpfen und den Kontinent aus der Abhängigkeit führen würde.

The political challenge will come and the parties had better get prepared to listen.But the political challenge will come and the parties had better get prepared to listen.

 Jerome Kuseh

Jerome Kuseh

Independent financial and research analyst | Digital media executive | Accountant | Political Commentator

Corbyn’s victory has drawn comparisons with the recent successes of left-wing parties like Podemos in Spain and Syriza in Greece. He has already been compared with the independent democratic socialist, Bernie Sanders, who has surged past Hilary Clinton in polls in New Hampshire and Iowa. Young people have played a big part in the surges of these anti-establishment parties and candidates, leading some commentators (like Blair) to attribute the rise to idealism that would prove inadequate to win major victories.

It is true that young people (globally) are largely disillusioned by establishment parties and candidates and are therefore drawn to those who speak up against a system which appears to favour banks and the wealthy against the majority of the people. The argument goes that disillusionment will not keep driving people to the polls. It will do the opposite. However, I am convinced that not only will this enthusiasm continue but that it will be enough to build establishment parties who would truly represent the people. I feel it is the beginning of a new kind of politics.

Inequality globally has worsened. The UN reports:

while income inequality between countries may have been reduced, inequality within countries has risen. There is growing consensus that economic growth is not sufficient to reduce poverty if it is not inclusive and if it does not involve the three dimensions of sustainable development – economic, social and environmental.

study by researchers from Princeton showed that government policies in the USA  represent the wishes of wealthy individuals and business organisations and that the ordinary citizen has “little or no influence on policy at all”. I do not know about similar studies elsewhere but if this is any thing to go by, then citizens are going to feel unrepresented by establishment parties for the foreseeable future. This will continue to help anti-establishment parties and candidates.

Information has become more available and it has become more possible for alternative views on politics and economics to be heard.  For the left, the works of several prominent economists like nobel laureates Paul Krugman and Joseph Stiglitz, Thomas Piketty, Simon Wren-Lewis and several others that dismissed austerity as an ineffective and harmful policy have formed a credible basis for their challenge of current economic orthodoxy. The fact that the conservative IMF has admitted to their mistake in their belief in austerity has not only made the left’s economic thinking the mainstream, but it is also shifting the right’s view to the fringes and making it look like an ideological position which is being clung to despite the evidence against it.

The coming into prominence of such economic thinking also provides the ideological basis for the new left. Corbyn’s economic policies, dubbed Corbynomics, is developed largely by the respected tax reform campaigner, Richard Murphy and has beenendorsed by over 40 leading economists.  Accusations of old style communism are easily dismissed by pointing to the work of prominent economists in this era. Accusations of wanting economies like the old Soviet Union can be dismissed by pointing to the success of the Nordic model.

The final reason why I believe the rise of the left is not a flash in the pan is the increasing adoption of leftist economic policies by the far right such as the True Finns of Finland, National Front of France, Donald Trump and so on.  If parties far to the right of the establishment right prefer leftist economic policies, then the centre right becomes a weaker force. Political expediency would force them to compromise.

As a Ghanaian watching the events in global politics, I cannot help but think of the effects they will have here. In a country in which the underemployment rate is 33% and 69% of the working population are in vulnerable employment (full stats here) there has been a commitment to reducing the government’s spending on public sector wages without commensurate efforts to ensure employment for a young and fast growing population. There has so far been little political challenge to the goal of reducing public expenditure at the expense of decent livelihoods for the people. This is because of distrust of government spending, the country’s need of donor support in a time when commodity prices are down and especially the adoption of neoliberal economic policies by both the ruling party and the main opposition. I do not expect an immediate change in Ghana politics even if the global economic opinion tilts to the left. But the political challenge will come and the parties had better get prepared to listen.
Employment Statistics in Ghana by Jerome Kuseh

Ghana – Ein Land lebt vom Kakao

Ghana – Ein Land lebt vom Kakao

Ghana liegt in Westafrika am Golf von Guinea und grenzt an die Nachbarländer Elfenbeinküste, Burkina Faso und Togo. Das tropische Klima eignet sich ideal für den Anbau von Kakao, der eine wesentliche Rolle für die Wirtschaft des Landes spielt. Mit einer Produktion von etwa 850.000 Tonnen Kakao pro Jahr, ist Ghana weltweit der zweitgrößte Produzent. Etwa eine Millionen Kleinbauern und -bäuerinnen bauen Kakao an. Eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kakaobauern kann somit wesentlich zur Bekämpfung von Hunger und Armut in Ghana beitragen. Politische Situation in Ghana ist stabil Ghana gilt heute als politisch stabiles und demokratisches Land. Im Jahr 2008 gab es faire und freie Parlamentsund Präsidentschaftswahlen, die John Atta Mills gewann. Auch die Wahl des derzeitigen Präsidenten John Dramani Mahama Ende 2012 ging rechtmäßig vonstatten. Die Anzahl von Nichtregierungsorganisationen hat in den vergangenen Jahren zugenommen, wobei Kakaobauern kaum organisiert sind, um für ihre Rechte einzutreten. Zudem gibt es eine weitestgehend freie Presse. Beim aktuellen Korruptionsindex von Transparency International liegt Ghana auf Platz 64 und damit im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern relativ weit vorne. Armut auf dem Land ist nach wie vor hoch Anfang der 1990er Jahre leitete die damalige Regierung einen umfassenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformprozess ein. Das Land erfuhr einen Aufschwung: Allein zwischen 1998 und 2008 wuchs das Bruttoinlandsprodukt durchschnittlich um mehr als 5 %, wobei das Pro-Kopf-Einkommen jährlich um 2,9 % zunahm. Die Wirtschaftskrise führte zwar in den Jahren 2009 und 2010 zu geringeren Wachstumsraten, doch hat sich die ökonomische Situation wieder stabilisieren können. 2008 hatten 53,6 % der Bevölkerung weniger als 2 US-Dollar am Tag zur Verfügung und 30 % sogar weniger als 1,25 USDollar. Dabei besteht eine große Schere zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung. So profitieren die Menschen, die in den Städten oder in exportorientierten Sektoren arbeiten, stärker von den ökonomischen Erfolgen. Wesentlich geringer ist die Teilnahme am Wirtschaftswachstum der Menschen in ländlichen Gebieten und in den Zweigen, die vor allem für den Binnenmarkt produzieren. So liegt in einigen ländlichen Regionen die Rate der Menschen, die unter extremer Armut leiden, bei über 60 %. Das Land steht somit weiterhin vor gewaltigen Herausforderungen: Der „Menschliche Entwicklungsindex“ (Human Development Index – HDI), der hauptsächlich aus dem Pro-Kopf-Einkommen, der Lebenserwartung und dem Bildungsstand der Bevölkerung berechnet wird, platziert Ghana auf Rang 135 von 186 erfassten Staaten (2013).

Zahlen & Fakten Offizieller Name Republik Ghana Unabhängigkeit 06.03.1957 Lage Westafrika Nachbarländer Elfenbeinküste, Burkina Faso, Togo Amtssprache Englisch Währung Cedi Hauptstadt Accra Fläche 238.537 km² Einwohnerzahl 25,37 Mio Lebenserwartung (2012) 61 Jahre Bruttoinlandsprodukt (2012) 40,71 Mrd. US-Dollar Wirtschaftswachstum (2012) 7,9 % Anzahl Kakaobauern circa 1 Millionen [Hintergrund: Ghana und Kakao] INKOTA-netzwerk e.V., Chrysanthemenstraße 1-3, D-10407 Berlin Tel.: 030-420 820 2-0, Fax: 030-420 820 2-10, E-Mail: inkota@inkota.de [www.inkota.de]

Kakao als das Rückgrat der ghanaischen Landwirtschaft

Für die ländliche Bevölkerung Ghanas, die mehr als die Hälfte der Einwohner des Landes ausmacht, trägt der Anbau und Handel von Kakao wesentlich zur Lebensgrundlage bei. Schätzungen zufolge bauen zwischen 700.000 und 1 Million Bauern und Bäuerinnen Kakao an. Mehrheitlich handelt es sich dabei um kleinbäuerliche Betriebe, die etwa 1 bis 5 Hektar bewirtschaften und etwa 1.000 Kilogramm Kakaobohnen pro Jahr ernten. Der Ertrag liegt somit durchschnittlich bei 400 Kilogramm je Hektar. Zusätzlich arbeiten etwa 3 Millionen Menschen im Kakaoanbau (z.B. als Erntehelfer) sowie in dem damit verbundenen Handel, der Weiterverarbeitung und der Herstellung von Geräten und anderen Materialien. Steigende Kakaomengen Im Jahr 2010/2011 exportierte Ghana etwa 1.026.000 Tonnen Kakao. Damit hat sich die Exportrate innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Seit der Unabhängigkeit Ghanas ist der Export von Kakao die Hauptquelle für Deviseneinnahmen. Statistiken über die Kakaoernte in Ghana sind nur begrenzt aussagekräftig, da jedes Jahr unbekannte Mengen an Kakao aus Ghana herausgeschmuggelt werden. Die Bauern erhielten in den vergangenen Jahren zeitweise bessere Preise für den Kakao, wenn er über Togo und die Elfenbeinküste auf dem Weltmarkt verkauft wurde. Staatliches Vermarktungsmonopol Das staatlich regulierte Cocoa Marketing Board (COCOBOD) regelte den Handel innerhalb Ghanas und legte den Kakaopreis fest. Lange Zeit stellte es die einzige Institution dar, die den Bauern ihren Kakao abkaufte. Mittlerweile können auch private Abnehmer nach dem Erwerb einer Kauflizenz im ghanaischen Kakaomarkt partizipieren, allerdings weiterhin nach strengen staatlichen Auflagen. Das COCOBOD ist auch heute weiterhin der wichtigste Aufkäufer von Kakao. Trotz des Aufbaus einer weiterverarbeitenden Industrie für Kakao ist der größte Teil der Verarbeitungskapazitäten (60 %) in der Hand von ausländischen multinationalen Unternehmen. Damit verbleibt ein erheblicher Teil der Gewinne nicht in Ghana. Niedrige Einkommen und steigende Armut Laut einer Studie der Universität von Ghana standen den Kakaobauern im Jahr 2006 pro Tag nur 0,63 US-Dollar zur Verfügung. Damit lebt der größte Teil der Bauern samt ihren Familien weit unterhalb der Armutsgrenze. Neuere Daten sind zum Teil widersprüchlich, doch insgesamt hat sich die Situation der Bauern in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verbessert. Bauern, die den Großteil ihres Lebensunterhalts durch den Anbau von Kakao bestreiten, sind in erheblichem Maße von den Entwicklungen des Weltmarktpreises von Kakao abhängig. Bereits Preisschwankungen um wenige Prozent können die Zahl der Armen deutlich erhöhen. Zudem zahlt das COCOBOD den Bauern lediglich 70 % des Weltmarktpreises. Was der Bauer am Ende für seinen Kakao erhält, reicht somit oftmals nicht zum Leben aus. Außerdem ist der Nachschub von Kakao stark gefährdet: Das Durchschnittsalter der Bauern liegt aktuell bei über 50 Jahren, da die Nachkommen der Bauernfamilien den Anbau von Kakao nicht mehr als sichere und gewinnbringende Einkommensquelle erachten und in andere Agrarsektoren (z.B. Kautschuk) oder in die Städte abwandern. Ausbeuterische Kinderarbeit Kinderarbeit im Kakaoanbau ist weiterhin ein weit verbreitetes Phänomen in Ghana. Im Jahr 2009 arbeiteten fast 1 Millionen Kinder auf Kakaoplantagen, 270.000 von ihnen unter Bedingungen, die laut den ILO-Konventionen 138 und 182 verboten sind. Der größte Teil der Kinder (88 %) arbeitet als unbezahlte Arbeitskraft für die Eltern. Die Kakaobauern nennen als Hauptursache für die wirtschaftliche Ausbeutung von Minderjährigen ihre finanzielle Notlage. Der Preis für Kakao sei demnach zu niedrig, um die Ausgaben für Saisonarbeitskräfte, Dünger und Pestizide decken zu können. Die Gesundheitsrisiken sind zudem erheblich: Die Kinder verrichten gefährliche Arbeit durch die Nutzung von scharfen Werkzeugen und giftigen Pestiziden und das Tragen schwerer Kakaosäcke. Ein Schulbesuch ist oft nicht möglich. [Hintergrund: Ghana und Kakao] INKOTA-netzwerk e.V., Chrysanthemenstraße 1-3, D-10407 Berlin Tel.: 030-420 820 2-0, Fax: 030-420 820 2-10, E-Mail: inkota@inkota.de [www.inkota.de]

Weiterführende Informationen: Literatur o Hütz-Adams, Friedel (2011): Vom bitteren Kakao zur süßen Schokolade. Der lange Weg von der Hand in den Mund. Südwind e.V. o Hütz-Adams, Friedel (2012): Vom Kakaobaum bis zum Konsumenten. Die Wertschöpfungskette von Schokolade. Südwind e.V. o Hütz-Adams, Friedel/ Fountain, Antony (2012): Cocoa Barometer 2012 o Payson Center for International Development and Technology Transfer, Tulane University (2011): Oversight of Public and Private Initiatives to Eliminate the Worst Forms of Child Labour in the Cocoa Sector in Côte d’Ivoire and Ghana

Dokumentationen o 3Sat-Sendung: Schuften für Schokolade: http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=17898 o Miki Mistrati: Schmutzige Schokolade, Teil 1: http://www.ardmediathek.de/das-erste/reportagedokumentation/schmutzige-schokolade?documentId=8577084 o Miki Mistrati: Schmutzige Schokolade, Teil 2: http://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/minuten757.html o BBC: Chocolate – The Bitter Truth (englisch): http://www.youtube.com/watch?v=LD85fPzLUjo&playnext=1&list=PLA5F7D4302C9ED514&feature=results_ main

http://www.inkota.de/fileadmin/user_upload/Themen_Kampagnen/Make_Chocolate_Fair/INKOTA_MCF__Hintergrund_Ghana_2013.pdf

„Nakom“ – erstmals Film aus Ghana auf der Berlinale: Das Probleme eines Sohns in die Fußstapfen des verstorbenen Vaters zu treten!

Berlinale Panorama
Erbe der Väter, Kraft der Söhne

 

Das Panorama erforscht die Macht der Familie, zeigt sensible Jungmänner und feiert 30 Jahre Teddy Award.

VON
Felicia Awinbe als Comfort und Jacob Ayanaba als Idrissu im ghanaischen Film "Nakom".

Mehr Artikel
Felicia Awinbe als Comfort und Jacob Ayanaba als Idrissu im ghanaischen Film „Nakom“.FOTO: RASQUACHÉ FILMS

Ähnlich unwillentlich gerät Idrissu (Jacob Ayanaba), der Held von Nakom, an die Stelle seines verstorbenen Vaters. Der ghanaische Medizinstudent muss aus der Stadt zurück in sein Heimatdorf, wo er nun den Patriarchen geben soll. Das widerstrebt ihm, doch er beginnt, sich um die drängendsten Probleme seiner von Ackerbau lebenden Familie zu kümmern. Dieses ruhige, eindrucksvolle Werk von Kelly Daniela Norris und TW Pittman ist der erste Film aus Ghana, der auf der Berlinale zu sehen ist.

 

Nakom Poster