Zurück in der Kreditfalle: 2011 erreichte Ghanas Wachstum mit 14 Prozent die höchste Rate weltweit. Im Vertrauen auf dieses Wachstum konnte Ghana in großem Stile neue Kredite aufnehmen, um bestehenden Entwicklungsherausforderungen zu begegnen. Extern sind die Weltmarktpreise für wichtige Exportgüter wie Gold und Öl gefallen, und das reduziert die Deviseneinahmen, die Ghana braucht, um Auslandskredite zu bedienen. Zugleich steigen die Preise wichtiger Importgüter. Lebensmittel und Treibstoff werden importiert, denn im Land wird nicht genug produziert. Dazu haben Billigexporte von Lebensmitteln aus der EU beigetragen, die heimische Anbieter verdrängt haben. Die Schulden- und Finanzkrise Ghanas hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Heimische Banken stecken in einer Liquiditätskrise. Bis heute gibt es keine verlässlichen und geordneten Verfahren zur Lösung von Staatschuldenkrisen. Entwicklungs- und Schwellenländer wollten diese Lücke der internationalen Finanzarchitektur schließen und forderten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerks. Sie setzten sich aber nicht durch. Deutschland gehörte zu den wenigen Ländern, die sowohl gegen das Rahmenwerk als auch die Prinzipien stimmten.

Zurück in der Kreditfalle

04.11.2015 – von Clara Osei-Boateng, Kristina Rehbein

Meinung

Fallende Goldpreise belasten Ghana.

Fallende Goldpreise belasten Ghana.

Ghana galt lange als Beispiel für erfolgreiche Entwicklung nach dem multilateralen Schuldenerlass der HIPC-Initiative. Zehn Jahre danach wachsen die Probleme aber wieder. Die Weltgemeinschaft braucht Regeln, um Schuldenkrisen zu lösen.

2004 wurde Ghanas untragbar hohe Verschuldung im Rahmen der multilateralen HIPC-Initiative halbiert. Das Kürzel steht für „highly indebted poor countries“, die Entschuldungsinitiative wurde beim Kölner G7-Gipfel 1999 beschlossen. Freigewordene Mittel wurden in Armutsbekämpfung investiert. Die Armut konnte in Ghana im Vergleich zu den 1990er Jahren bald halbiert werden.

Leider ist das Land heute erneut kritisch verschuldet. Die Entwicklung verlief zunächst vielversprechend. 2007 konnte der westafrikanische Staat öffentliche Anleihen an den internationalen Kapitalmärkten platzieren. Die Seychellen waren der einzige andere Staat südlich der Sahara, dem das gelang. Ghana schien Investoren unter anderem wegen der Entdeckung des Jubilee-Ölfelds vor der Küste attraktiv. 2011 erreichte Ghanas Wachstum mit 14 Prozent die höchste Rate weltweit. Im Vertrauen auf dieses Wachstum konnte Ghana in großem Stile neue Kredite aufnehmen, um bestehenden Entwicklungsherausforderungen zu begegnen.

Das rächt sich nun. Die öffentlichen Schulden betragen rund 71 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – fast wie vor HIPC.

Dass es soweit gekommen ist, hat interne und externe Gründe. Intern sind hohe Lohnkosten im öffentlichen Dienst zu nennen, denn eine neue Entgeltstruktur hat sie seit der Jahrtausendwende um das Dreifache steigen lassen. Vor den Wahlen wurden zudem übermäßige Ausgaben getätigt, die das Defizit anschwellen ließen.

Extern sind die Weltmarktpreise für wichtige Exportgüter wie Gold und Öl gefallen, und das reduziert die Deviseneinahmen, die Ghana braucht, um Auslandskredite zu bedienen. Zugleich steigen die Preise wichtiger Importgüter. Lebensmittel und Treibstoff werden importiert, denn im Land wird nicht genug produziert. Dazu haben Billigexporte von Lebensmitteln aus der EU beigetragen, die heimische Anbieter verdrängt haben.

Wertmäßig übersteigt die Wareneinfuhr nun die Warenausfuhr. Zudem ist der Kurs der nationalen Währung Cedi gesunken, was den Schuldendienst in Dollar teurer macht. Wenn die Schuldenkrise zu weiterer Abwertung führt, droht ein Teufelskreis.

Ghanas Regierung setzt weiter auf Kredite. Sie will neue Staatsanleihen emittieren, um die alten Schulden abzutragen. Der Haken an der Sache ist, dass sie nun höhere Zinsen zahlen muss, denn die Anleger beobachten die Lage.

Die Schulden- und Finanzkrise Ghanas hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Heimische Banken stecken in einer Liquiditätskrise. Sie geben Privatunternehmen allenfalls noch zu sehr hohen Zinsen Darlehen. Folglich werden kaum noch privatwirtschaftliche Investitionen getätigt. Die Wirtschaft schrumpft, Arbeitsplätze werden gestrichen, und wegen der schwachen Währung steigen die Lebenshaltungskosten. Die Bevölkerung spürt die Krise bereits.

Für zivilgesellschaftliche Organisationen wie SEND-Ghana ist die Verschuldung jetzt wieder ein Thema. Sie fordern von der Regierung mehr Rechenschaft und Transparenz. Sie stört, dass Geld aus Ghana abfließt, denn dieser Trend wird es unmöglich machen, die kürzlich beschlossenen Sustainable Development Goals der UN zu erreichen.

HIPC war eine einmalige Initiative. Bis heute gibt es keine verlässlichen und geordneten Verfahren zur Lösung von Staatschuldenkrisen. Entwicklungs- und Schwellenländer wollten diese Lücke der internationalen Finanzarchitektur schließen und forderten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerks. Sie setzten sich aber nicht durch.

Immerhin beschloss der Gipfel aber Prinzipien für eine effizientere Lösung von Schuldenkrisen. Deutschland gehörte zu den wenigen Ländern, die sowohl gegen das Rahmenwerk als auch die Prinzipien stimmten. Dieser Kurs ist gefährlich, denn wir brauchen internationale Kooperation. Sonst werden Schuldenkrisen wie die in Ghana wieder über Jahre hinweg verschleppt, und die Bevölkerung verarmt.

 

Clara Osei-Boateng arbeitet für die zivilgesellschaftliche Organisation SEND-Ghana / SEND-West Africa.
http://www.sendwestafrica.org/

Kristina Rehbein ist politische Referentin beim ökumenischen Netzwerk erlassjahr.de.
k.rehbein@erlassjahr.de

Die Wirtschaft in Ghana wächst zwar anhaltend, es hat sich aber noch keine nachhaltig tragfähige Wirtschaftsstruktur entwickelt. Das Land ist abhängig vom Export von Gold, Kakao, Tropenholz und seit 2010 auch Erdöl. So leben die Ghanaer, die immer noch mehrheitlich in der Landwirtschaft arbeiten, mit dem ständigen Risiko schwankender Weltmarktpreise.

Projektpartner | Ghana

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Das westafrikanische Ghana ist mit seiner demokratischen Gesellschaftsentwicklung ein positives Beispiel für Länder auf der ganzen Welt.

Ghana4Das Küstenland grenzt im Westen an die Elfenbeinküste, im Norden an Burkina Faso und im Osten an Togo. Es herrscht ein relativ gleichmäßiges, tropisches Klima und die Landschaft ist geprägt von Savanne. Der größte Fluss des Landes, der Volta River, wurde bei Akosombo zu einem der größten künstlichen Seen der Erde aufgestaut. Die Bevölkerung Ghanas wuchs in den vergangenen Jahrzehnten rasant und wird heute auf 24,0 Mio Einwohner geschätzt. Es existieren ca. 75 ethnische Gruppen, was auch dazu führt, dass neben der Landes- und Amtssprache Englisch noch weitere Verkehrssprachen, wie z.B. Twi, Ga, Ewe oder Nzema verbreitet sind.

Ghana3Einen Staat namens Ghana gab es bereits vom 4. bis zum 11. Jahrhundert – allerdings auf dem Gebiet des heutigen Mali. Das heutige Staatsgebiet zählte über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zu den verschiedensten afrikanischen Staaten. Erst seit Beginn der entbehrungsreichen Kolonisierung durch England bestehen die noch heute vorherrschenden Landesgrenzen. Wie in vielen anderen afrikanischen Staaten auch, kam es in Ghana Anfang der 90er Jahre zu einer Demokratisierungswelle. Seitdem gilt das Land sowohl politisch, als auch wirtschaftlich als Musterbeispiel für eine positive Entwicklung.

Ghana1

Die Wirtschaft in Ghana wächst zwar anhaltend, es hat sich aber noch keine nachhaltig tragfähige Wirtschaftsstruktur entwickelt. Das Land ist abhängig vom Export von Gold, Kakao, Tropenholz und seit 2010 auch Erdöl. So leben die Ghanaer, die immer noch mehrheitlich in der Landwirtschaft arbeiten, mit dem ständigen Risiko schwankender Weltmarktpreise. Gerade beim Anbau von Kakao bietet hier der Faire Handel durch garantierte Mindestpreise und stabile Handelsbeziehungen eine willkommene Alternative für Kleinbauern. Fair gehandeltes Kunsthandwerk aus Ghana ermöglicht es den Produzenten, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig die reichhaltige ghanaische Kultur zu erhalten.

http://www.el-puente.de/fairtrade/de/9,,info,html_land,,GH/Unsere-Partner/Projektuebersicht/Ghana.html

Hohe Wachstumszahlen verschleiern die Schwäche: «Sogar Zahnstocher müssen wir importieren», ereifert sich Ökonom Kwakye, «das darf doch nicht sein!» Fastfood-Restaurants KFC in Accra. Die Marke, das Fleisch, das Besteck – alles wird importiert.

Ghanas grösste Hürde zum Schwellenland

Ghanas Wirtschaft brummt – zumindest erwecken die Wachstumszahlen diesen Eindruck. Doch ein Blick auf den Fastfood-Anbieter KFC zeigt: da gibt es ein Problem.


Ghana befindet sich am Übergang vom Entwicklungs- zum Schwellenland. Mit Wachstumsraten des BIP von 14.4% (2011) und 7.5% (2012/Schätzung Weltbank) liegt man global an der Spitze. Aber der Ökonom Dr. John Kwakye vom Institute of Economic Affairs in Accra warnt: «Weltbank und Währungsfonds loben Ghana, doch sie bewerten nur makroökonomischen Indikatoren, Inflation und Staatsdefizit. Das ist oberflächlich. Unser industrieller Sektor ist sehr schwach – denn wir stellen nichts her!»

Das bestätigt zum Beispiel ein Blick auf die Produkte des Fastfood-Restaurants KFC in Accra. Die Marke, das Fleisch, das Besteck – alles wird importiert. Zwar hat Ghana eine wachsende Industrie, die ein Viertel des Bruttoinlandproduktes ausmacht. Doch Wachstumstreiber sind die Rohstoffe – sie versorgen Ghana mit einem konstant fliessenden Strom von Devisen. Kakao, Gold und Erdöl haben zudem in den letzten Jahren von hohen Kursen profitiert.

«Sogar Zahnstocher müssen wir importieren», ereifert sich Ökonom Kwakye, «das darf doch nicht sein!»

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Dieser Beitrag wurde am 13. August 2013 von SRF 4 News gesendet – im Rahmen eines Schwerpunkts «Das Kriseln der Schwellenländer». Teile davon hatte ich bereits für die Kontext-Sendung «Erfolgsmodell Ghana» verarbeitet.

http://muel.ch/2013/09/09/ghanas-grosste-hurde-zum-schwellenland/

Ghana: Vom Musterschüler zum Sorgenkind: Ghana ist zu stark von Rohstoff-Einnahmen abhängig. Es fehlt eine Strategie, wie die Industrialisierung vorangetrieben werden könnte. Ein taugliches Mittel dazu könnte eine Kombination aus Protektionismus gegen aussen und Liberalisierung im Innern sein.

Ghana: Vom Musterschüler zum Sorgenkind

Die ghanaische Regierung plagen Geldsorgen – sie ersucht um Hilfe beim Internationalen Währungsfonds.

Ghana galt lange als afrikanisches Erfolgsmodell. Stabil, demokratisch und auf solidem Wachstumspfad. Doch nun häufen sich wirtschaftliche Probleme, die im Alltag spürbar sind, und die Menschen gehen gegen ihre Regierung auf die Strasse.

Die strukturellen Probleme Ghanas Wirtschaft, welche ich bereits im vergangenen Jahrerwähnt hatte, schlagen nun voll durch. Ghana ist zu stark von Rohstoff-Einnahmen abhängig. Es fehlt eine Strategie, wie die Industrialisierung vorangetrieben werden könnte. Ein taugliches Mittel dazu könnte eine Kombination aus Protektionismus gegen aussen und Liberalisierung im Innern sein. Politische Stabilität alleine genügt nicht.

In meinem Beitrag habe ich zu beleuchten versucht, wie die Probleme Ghanas entstanden sind.

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Dieser Beitrag wurde am 25. August in der Sendung «Echo der Zeit» von Radio SRF gespielt.