Die Wirtschaftspolitik der EU und der europäischen Staaten haben die Geflügelwirtschaft in Ghana zerstört – und damit Tausende Arbeitsplätze und Perspektiven. Auch deshalb verlassen Menschen ihre Heimat.

Das Märchen vom fairen Handel
Wie die EU Ghanas Geflügelwirtschaft zerstört

Europa trägt selbst Verantwortung für die Fluchtbewegungen aus Afrika. Beispiel Ghana: Dort hat die Wirtschaftspolitik der EU die Geflügelwirtschaft zerstört – und damit Tausende Arbeitsplätze und Perspektiven. Auch deshalb verlassen Menschen ihre Heimat.

Von Alexander Göbel

Geflügel-Schlachterei: Mitarbeiterinnen packen gerade Beutel mit Innereien in Brathähnchen. (picture alliance / dpa)

Ausländische Produzenten bieten das gleiche Huhn im Schnitt für weniger als die Hälfte an. Solche Dumpingpreise haben dazu geführt, dass Ghanas Geflügelbauern nur noch einen Marktanteil von zehn Prozent haben – im eigenen Land. (picture alliance / dpa)
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Agrarexporte in schwache MärkteUngleiche Geschäftsbeziehungen

Geflügelfarmer Augustine Amankwaah steht mitten in einem riesigen Stall. Tausende Hühner picken Futter aus großen Trögen. Amankwaah ist Geschäftsführer der AMAS Farm in der Nähe von Accra – einer der letzten Geflügelfarmen in Ghana, die noch nicht aufgegeben haben. Nach acht Wochen Zucht und Verarbeitung kostet ein Huhn von der AMAS Farm rund 3,60 Euro. Ausländische Produzenten bieten das gleiche Huhn im Schnitt für weniger als die Hälfte an. Solche Dumpingpreise haben dazu geführt, dass Ghanas Geflügelbauern nur noch einen Marktanteil von zehn Prozent haben – im eigenen Land.

„Es ist ein gnadenloser Wettbewerb. Die internationalen Produzenten wollen ihr Geflügel hier günstig verkaufen – und wir müssten unsere Kosten reduzieren, damit wir mithalten können. Aber unser Geflügel ist einfach zu teuer – es beginnt schon damit, dass wir Tagesküken zukaufen müssen. Unser Produkt ist am Ende einfach teurer als das importierte Fleisch, und deshalb sind wir nicht wettbewerbsfähig.“

Ein gnadenloser Wettbewerb

Die Importe hätten in Ghana alles durcheinandergebracht – die Märkte und die Produktion, sagt Henry Anim-Soumah, Agrarwissenschaftler der University of Ghana. Mittlerweile importiert Ghana im Jahr rund 165.000 Tonnen Fleisch – aus den USA, aus Brasilien, aus der Europäischen Union. Allein 90.000 Tonnen davon sind Geflügelteile.

„Mit dem Import von Geflügel ging es hier in Ghana nach der großen Dürre von 1983 los. Erst waren es nur Hühnerbeine und -füße, dann kamen bald die ersten verarbeiteten und tiefgefrorenen Produkte auf den Markt. In den Neunzigern kam es dann zu einem Boom von US-amerikanischen Importen, besonders Hähnchenschenkel und –flügel sind seitdem sehr beliebt. Das sind die Produkte, die man mittlerweile überall auf unseren Märkten findet und die alles andere fast verdrängt haben.“

Seit 2009 haben sich die Hähnchen-Exporte aus Europa in Richtung Afrika verdreifacht. Allein vom Geflügel, das Deutschland in die EU ausführte, landeten im vergangenen Jahr mehr als 48.000 Tonnen auf dem afrikanischen Kontinent: Hälse, Flügel, Innereien. Reste, die in Europa, wo sich alle auf das fettarme Hähnchenbrustfilet stürzen, niemand essen will – die aber in Ghana begehrt sind.

Afrikas Märkte sind viel zu schwach

Fleischimporte wie in Ghana sind auch die Folge der Wirtschaftspartnerschaft, die die EU mit afrikanischen Ländern aushandelt. Das sogenannte Economic Partnership Agreement, kurz EPA, legt fest, dass diese Länder ihre Märkte bis zu 83 Prozent für europäische Importe öffnen und Zölle und Gebühren abschaffen müssen. Wer nicht mitmacht, dem drohen Währungsfonds und Weltbank schon mal mit Kreditsperre. Im Gegenzug sollen die afrikanischen Länder weiterhin zollfreien Zugang zu Europas Märkten erhalten. Zumindest versprechen das die Brüsseler Behörden. Studien belegen jedoch: Afrikas Märkte sind viel zu schwach.

Die AMAS Farm in der Nähe von Accra steht mittlerweile kurz vor dem Aus. Einige Angestellte hat Augustine Amankwaah schon entlassen müssen. Die Geflügelproduktion sei nicht mehr rentabel, sagt er. Ghanas Bauern müssten zuschauen, wie die ausländischen Konzerne den Markt beherrschten – und wie ihre eigene Lebensgrundlage wegbricht.

„Viele Kollegen gehen pleite. Die Kosten sind zu hoch. Wer nicht genug Kapital hat, muss früher oder später einpacken. Viele wollen Ghana sogar verlassen. Andere Farmer finanzieren sich noch mit Geld aus der Familie, und wenn es da irgendwo hakt, sind die Reserven schnell aufgebraucht. Lange kann sich da niemand über Wasser halten, und dann ist es bald vorbei mit dem Geschäft.

http://www.deutschlandfunk.de/das-maerchen-vom-fairen-handel-wie-die-eu-ghanas.697.de.html?dram:article_id=339778

 

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Afrika sei für Geflügelfleischreste aus Deutschland und dem Rest der EU zum wichtigsten Exportmarkt geworden, erklärt Francisco Marí.
„Überall dort, wo wir uns bemühen, eine von Importen unabhängige Lebensmittel-Produktion aufzubauen, wird das zum Problem“, klagt der Agrarhandelsexperte bei „Brot für die Welt“. Deutschland reihe sich dabei ein in ähnliche Exportströme auch aus Frankreich, Belgien oder den Niederlanden.
2012 führten deutsche Geflügelhersteller 445.000 Tonnen Fleisch ins Ausland aus, 322.000 Tonnen davon in die EU-Länder. Mehr als die Hälfte kam aus Niedersachsen – Deutschlands Hühnerstall Nummer eins, wenn es um industrielle Mästung geht. 47.000 Tonnen des Fleisches – ein Zehntel der Exporte – endeten in Afrika.
Die in Europa unverkäuflichen Teile landen in Afrika
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Hühnerschenkel will in Deutschland kaum noch jemand essen

Neun von zehn Hühnerfarmern in Ghana haben bereits aufgegeben. Hühnerfleisch aus Europas Agrarfabriken ist viel billiger. „Es ist der Druck aus der Europäischen Union und von der Welthandelsorganisation“, schildert Dr. King David-Amoah vom ökumenischen Netzwerk Ghana. „Sie schreiben uns genau vor, was wir machen dürfen.“

„Die Regierungen in Ländern wie Ghana müssen entscheiden, ob sie entweder billiges Fleisch für die eigenen Konsumenten einführen oder ob sie ihre eigenen Geflügelbauern unterstützen wollen“, sagt Jan Odink, Vorsitzender der Niederländischen Geflügelverarbeitungsindustrie. „Die meisten Länder entscheiden sich am Ende für das billigere Importfleisch, weil ihnen die Bedürfnisse der Konsumenten wichtiger sind, als die Not der eigenen Geflügelzüchter.“ In Ghana kommen jährlich 90.000 Tonnen aus der ganzen EU an – noch 9000 Tonnen.
Ghana bekomme „einiges an Unterstützung“ aus Europa, um den Staatshaushalt zu entschulden. „Wenn wir diese Hilfe annehmen, ist es andererseits problematisch zu sagen, Europa darf keine Produkte wie Hühnerfleisch bei uns verkaufen.“ Jedes fünfte verkaufte Hähnchen in Europa landet als ganzes auf dem Tisch. Die Europäer nutzen vor allem das Brustfilet, teils auch Schenkel und Hühnerschnitzel.
Dort findet sich auch ein Markt, schildert ein Händler: „Die Bauern hier sagen uns, wir machen keine Hühnerschenkel, wir verkaufen nur ganze Hühner. So konnten wir bis jetzt keine Hühner aus Ghana verkaufen.“Ein ganzes Huhn bringt in Ghana 4,90 Euro. Notwendig wären 5,70 Euro, sagen Verkäufer in Ghana.
Die Resteimporte aus den Industrieländern ruinieren nicht nur die lokale Geflügelzucht in Afrika – sie können auch eine Gefahr für die Gesundheit sein. Die große Hitze und häufige Stromausfälle machen es fast unmöglich, das Fleisch ununterbrochen zu kühlen. Weil hierzulande das Futter nicht reiche, werde zudem Regenwald zerstört, um Soja für Dutschland zu produzieren, sagt Hubert Weiger vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).
http://www.3sat.de/page/?source=/nano/astuecke/122605/index.html
© WDR/Bildersturm FilmproduktionLupe
Hühnermarkt in Ghana: Das europäische Hühnerfleisch taut langsam.
HühnerWahnsinn
Das eiskalte Geschäft mit dem Geflügel
90.000 Tonnen gefrorene Hühnerteile importiert Ghana jährlich, produziert in den Schlachthäusern Europas oder Amerikas. Die Schwemme der Hühnerteile aus den Industrienationen zerstört in den afrikanischen Entwicklungsländern die lokalen Märkte, treibt dort Hühnerfarmer und verarbeitendes Gewerbe in den Ruin.
Lokale Märkte brechen zusammen

2004 kostete ein Kilo Hühnerfleisch in Ghana umgerechnet 1,50 Euro. Möglich werden solche Dumpingpreise, weil europäische und amerikanische Firmen im großen Stil Hühnerteile nach Afrika exportieren. Tiefgefroren gelangen die Hühner aus Brasilien, den USA, Holland und Frankreich in die afrikanischen Märkte und zerstören einen ganzen Wirtschaftszweig. Von den Futtermittelherstellern über die Hühnerfarmen, bis zu Händlern, Schlachtern und Rupfern – viele Menschen lebten einst von der Geflügelproduktion. In Akra (Ghana) auf dem Ganeshi Markt wurden früher 3.000 lebende Hühner pro Tag verkauft. Seit der Importschwemme ist das Geschäft vollkommen zusammengebrochen, genauso wie die Betriebe, die indirekt vom Geflügel lebten.

© WDR/Bildersturm FilmproduktionLupe
Hühnerfarm in der Bretagne

1.000 Tonnen Hühnerteile aus den Industrienationen werden pro Monat alleine in ein Kühlhaus in Akra importiert. In den Industrienationen werden die Hühnerzüchter und Futtermittelhersteller zum Teil mit Steuermitteln subventioniert. Geldern, die den ärmsten der Armen nun der Garaus machen. Heute, nach dem Ansteigen der Lebensmittelpreise in den letzten Jahren, kostet Hühnerklein in Akra etwas mehr. Doch mit 2,70 Euro ist importiertes Geflügel immer noch fast doppelt so teuer wie lokal produziertes.

Mit Dumpingpreisen zum Monopol?

Doch woher stammen die Dumpinghühnchen? Bei der Wahl, ob es „Brust oder Keule“ geben soll, haben sich die Deutschen eindeutig entschieden: Nirgendwo wird so viel Hähnchenbrust gegessen wie in Deutschland. Schätzungsweise 80 Prozent des in Deutschland im Supermarkt verkauften Hähnchens ist Brustfleisch. Der Reste geht oft nach Afrika. Doch die Tiefkühlhändler vor Ort verdienen nur wenig an dem Importhuhn. Vor allem Züchter in den Industrienationen und die Speditionen machen den wirklichen Gewinn bei diesem fragwürdigen Geschäft. Rudolf Bunzel vom evangelischen Entwicklungsdienst vermutet hinter den Machenschaften ein System: Wenn mit Dumpingpreisen erst ein Monopol auf dem lokalen Markt geschaffen wurde, ließen sich die Preise bald darauf anheben, um mehr Gewinn zu machen.

85 Prozent des Fleisches nicht zum Verzehr geeignet
Lupe
Einer von vielen Kleinbetrieben in Ghana

Neben dem Zusammenbruch der lokalen Märkte haben die Tiefkühl-Importe auch noch andere negative Auswirkungen: In einem Land ohne eine funktionierende Kühlkette ist tiefgefrorenes Hähnchen ein erhebliches Risiko. Die Menschen erkranken an dem Verzehr von verdorbenem Hähnchen. Auch nimmt man es bei den Exporten nach Afrika mit den Mindesthaltbarkeitsdaten vermutlich nicht so genau. Verbindliche Hygienevorschriften gibt es in Afrika selten. In Kamerun wurde Ende der 90er Jahre bei Kontrollen festgestellt, dass von 200 Tiefkühlhähnchen-Stichproben 85 Prozent des Fleisches nicht zum menschlichen Verzehr geeignet waren.Daraufhin verbot Kamerun den Import von Tiefkühlhähnchen. Ghana hat diesen Schritt noch nicht vollbracht. Die Welthandelsorganisation und die Industrienationen bestehen auf einem „freien Fluss der Waren“ – gemeint sind meistens ihre Waren. Schnell wird die Abschottung der Märkte mit dem Einfrieren von Krediten quittiert. Oliver de Schutter, Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen, sieht die einzige Chance, welche Entwicklungsländer in einer globalisierten Welt haben, in dem Schutz der lokalen Narungsmittelproduktion. Dieses sei eine absolut wichtige Voraussetzung.

IWF und EU schlachteten Ghanas Hühnerindustrie

Doch die Realität sieht anders aus. Ghana beschloss 2003, die Importzölle auf Geflügel und Reis zu erhöhen. Der Internationale Währungsfond (IWF) schaltete sich ein und forderte, die ghanaische Regierung solle das Gesetz noch einmal überdenken. Andernfalls müsse der IWF die Vergabe neuer Kredite an Ghana prüfen. Die Zölle seien nicht zur Armutsbekämpfung geeignet. Dieser Meinung war auch die Europäische Union. Pascal Lamy, ehemaliger EU-Handelskommissar und heute Chef des IWF, reiste im April 2003 nach Accra, verstärkte den Druck auf die Regierung, welche wenige Monate später aufgab. Der IWF versetzte der ghanaischen Geflügelindustrie den Todesstoß. Inzwischen haben die Verantwortlichen des IWF dieses sogar zugegeben. In einem Papier heißt es: „Es scheint, dass unsere Mitarbeiter unzureichende Informationen hatten, um die Maßnahme (die Zollerhöhung) richtig zu beurteilen. Im Nachhinein stellt sich der Hühnersektor viel verletzbarer durch Importe dar, als unsere Mitarbeiter glaubten.“

Was bedeutet europäischer Wahnsinn für Afrika?

Sehen Sie am Montag, 13. September 2010, von 20.15 Uhr an den Film „HühnerWahnsinn“. Er verfolgt die Hühner-Teile auf ihren verschlungenen Wegen von Deutschland, Frankreich und den Niederlanden nach Afrika. Am Beispiel Ghana und Togo wird dokumentiert, welche Auswirkungen die Exporte auf die örtlichen Märkte haben und was der europäische Hühnerwahnsinn für die Menschen dort bedeutet. Der Film gibt aber auch einen Einblick in ein Geschäft, in dem täglich Hunderttausende Hühner vom Schnabel bis zur Kralle verarbeitet werden. Der Druck auf die Hühnerzüchter wächst nicht nur in Afrika: Riesige Mengen von tief gefrorenem Hühnerfleisch aus Brasilien werden inzwischen billig nach Europa verschifft und vernichten selbst in traditionellen Hühnerzuchtgegenden immer mehr Arbeitsplätze. Autor Joachim Vollenschier zeigt ein globales Hähnchen-Roulette, das in einer Verkettung von Wellnesswahn und Geschäftemacherei die Existenz und Gesundheit von Menschen ruiniert.

http://www.3sat.de/page/?source=/ard/sendung/147509/index.html

Hühnerwahnsinn – Das eiskalte Geschäft mit Geflügel

  • Isigami Ismet
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  • Zuletzt am 28.09.2013 aktualisiert
Brust oder Keule? Die Deutschen haben sich eindeutig entschieden. Seit dem Trend zur fettarmen Ernährung werden nirgendwo so viel Hähnchenbrüste gegessen wie in Deutschland.
https://www.youtube.com/playlist?list=PLD57DF05CFA0535DA
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