Die britische Kronkolonie Goldküste („Gold Coast Colony“) in Westafrika bestand von 1878 bis 1958

Goldküste (Kolonie)

Flagge der britischen Kolonie Goldküste

Die britische Kronkolonie Goldküste („Gold Coast Colony“) in Westafrika bestand von 1878 bis 1958 und war Teil Britisch-Westafrikas. 1957 erlangte sie zusammen mit dem britischen Protektorat Britisch-Togoland (ehemals Teil von Togoland) als Republik Ghana die Unabhängigkeit.

Die Kolonie umfasste die südlichen Landesteile des heutigen Ghana und leitete ihren Namen von der seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlichen Bezeichnung „Goldküste“ für diesen Küstenabschnitt ab. Im weiteren Sinn wurde der Begriff Goldküste als politische Bezeichnung auf das gesamte britisch beherrschte Gebiet des heutigen Ghana angewandt, also ab 1900 auch auf Aschantigebiet in Zentralghana und die unter britischer Herrschaft stehenden nördlichen Gebiete der heutigen ghanaischen Republik. Die Kolonie umfasste ein Gebiet von ca. 187.900 km².

Einige Quellen geben das Jahr 1821 als Gründungsjahr an. In diesem Jahr wurden die britischen Forts an der Goldküste dem britischen Kolonialamt unterstellt, das die Verwaltung jedoch bald an einen Rat der Siedler und Händler in diesen Forts abgab.

Geschichte der Entstehung der Kolonie[Bearbeiten]

Die Europäer haben sich schon früh an der Goldküste festgesetzt, die 1470 durch den Portugiesen João de Santarém den Europäern bekannt gemacht worden war. Diogo de Azambuja landete 1481 mit 700 Mann bei Elmina und baute Fort São Jorge da Mina. Die Holländer setzten sich in Mori (Ghana) (östlich von Cape Coast Castle) und an anderen Orten fest und vertrieben 1637 die Portugiesen. Englische Abenteurer siedelten sich ebenfalls an, doch wurden ihre Forts mit Ausnahme von Cape Coast Castle 1667 von den Holländern genommen. Anschließend bildete sich 1672 die Royal African Company von Kaufleuten. Die Kompanie baute oder verstärkte Dixcove, Sekondi, Anomabo, Winneba (Simpah), Akkra und Cape Coast Castle, nahe den holländischen und den vorher errichteten dänischen Forts. Von 1683 bis 1720 gab hierBrandenburg-Preußen ein kurzes koloniales Intermezzo mit der Besitzung Groß Friedrichsburg. 1752 bildete sich eine neue Afrikanische Kompanie von Kaufleuten. Währenddessen nahmen die Fanti das Land des Herrschers von Efutu und wurden Verbündete der Briten. Die Holländer andererseits verbündeten sich mit den Aschanti. Briten und Holländer, auch die Dänen, bezahlten den Häuptlingen einen Grundzins.

Die Aschanti unterwarfen 1807 das Land der Fanti und verlangten nun von den Engländern einen Grundzins. Im September 1817 konnte man sich schließlich einigen. Darauf wurde 1821 die Afrikanische Kompanie aufgehoben und die Goldküste eine Dependenz von Sierra Leone. Die Engländer unterstützten die Fanti und schlugen 1826 die Aschanti-Armee vollständig. Doch wurde erst 1831 ein Vertrag abgeschlossen, nach dem sämtliche südlich vom oberen Pra gelegenen Länder unter britischen Schutz gestellt wurden, ebenso Dankira.

Die Forderung nach Gründung einer Kolonie Goldküste wurde dann verstärkt seit den 1840er Jahren von britischen Siedlern und Händlern vor Ort erhoben. Die Kosten einer dauerhaften Beherrschung des Gebietes schienen dem Kolonialamt im „Mutterland“ im Vergleich zum möglichen Gewinn allerdings zu hoch und das Ansinnen wurde von den zuständigen Behörden mehrfach abgelehnt. Bis 1850 war dann die britische Regierung mit Ausnahme einiger holländischer Niederlassungen allmählich Herrin der ganzen Goldküste geworden.

Mehrere Gründe führten 1874 dennoch zur Gründung der Kolonie:

  • In den späten 1860er Jahren kam es in Großbritannien zu einer neuen prokolonialen und proimperialistischen Stimmung vor dem Hintergrund der Suche nach neuen Absatzmärkten und Rohstofflieferanten für die heimische Industrie. Zudem hatte die waffentechnische Überlegenheit der Europäer eine neue Qualität erreicht.
  • 1872 hatten die Holländer als letzte europäische Macht neben den Briten ihre befestigten Stützpunkte an der Goldküste gegen Einräumung von Handelsprivilegien aufgegeben. Entscheidend dazu beigetragen hatte der erfolgreiche militärische Widerstand der Fantiföderation gegen die Übernahme einzelner britischer Forts (z.B. in Dixcove) durch die Holländer. Von holländischer Konkurrenz befreit konnten die Briten mit erhöhten Profiten im Handel rechnen und effektiv Zolleinnahmen durchsetzen.
  • 1874 hatte das Aschantikönigreich die entscheidende Niederlage gegen die Briten hinnehmen müssen. Damit waren die Briten in der Lage, auf dem Gebiet des heutigen Ghana ihre Interessen gegen Jedermann durchzusetzen. Es gab keine einheimische Macht mehr, die ihnen noch etwas entgegensetzen konnte.

Die inneren Verhältnisse in der Goldküste: Kronkolonie, Protektorat und Territorium[Bearbeiten]

Karte der Kolonie Goldküste 1896

Im Juli 1874 kam es daher zur Gründung der „Gold Coast Colony“, die das gesamte Territorium des heutigen Südghana umfasste. Dieses Herzstück der Kolonie wurde überwiegend von den Fanti bewohnt. 1896 besetzten die Briten als Höhepunkt einer Serie kriegerischer Auseinandersetzungen Kumasi, die Hauptstadt desAschantikönigreiches, nahmen den Asantehene, den Herrscher der Aschanti, gefangen und erklärten das Aschantigebiet zum Protektorat. Später kamen die noch heute „Northern Territories“ genannten Gebiete der Mamprusi, Dagomba und anderer Völker Nordghanas hinzu.

Die Form der kolonialen Machtausübung innerhalb dieser drei Gebiete war sehr unterschiedlich. In der „Kronkolonie“ war den Einheimischen in Maßen eine politische Betätigung im modernen Wortsinn möglich: Politische Vereinigungen konnten sich ohne Genehmigung durch die Briten bilden und es gab weitgehende Pressefreiheit. Englisches Recht war gültig und Rechtsanwälte waren in der Lage, Auswüchse der Kolonialherrschaft zu bekämpfen. Im „Protektorat“ dagegen war Rechtsanwälten die Ausübung ihres Berufes verboten und politische Vereinigungen mussten sich als kulturelle oder soziale Vereinigungen tarnen. In der Kronkolonie gab es zudem schon aufgrund des längeren britischen Einflusses eine große Anzahl westlich gebildeter Afrikaner, die mit der Kolonialverwaltung kooperierten und diese auch in Ansätzen kontrollierten. Im „Protektorat“ dagegen bemühten sich die Briten bis in die 1920er-Jahre hinein um die Zerstörung des Aschantiimperialismus und seiner verbliebenen Traditionen. Die „Northern Territories“ wiederum waren in die späteren politischen Reformversuche innerhalb der Goldküste gar nicht eingebunden, hatten z.B. keine Stimme im gesetzgebenden Rat der sogenannten Burnsverfassung der 40er Jahre

Britische Machtausübung in der Kolonie Goldküste: „indirect rule“ seit den 1920er Jahren[Bearbeiten]

Von 1919 bis 1929 war Gordon Guggisberg Gouverneur der Kolonie und bemühte sich seit seinem Amtsantritt um eine Änderung der bestehenden Kolonialpolitik in der Goldküste. Sein Vorbild waren dabei die Theorien zur indirect rule des damaligen Gouverneurs von Britisch-Nigeria, Lugard.

Diese Theorie sah kurzgefasst eine möglichst umfassende Delegation von Verwaltungsaufgaben an die einheimischen Eliten und traditionellen Oberhäupter der Kolonien vor – allerdings nur auf den unteren Verwaltungsebenen. Tatsächlich einflussreiche Posten blieben auch nach der Theorie der „indirect rule“ den Briten vorbehalten. Dennoch förderte diese Verwaltungsform sicherlich die Entstehung einer westlich gebildeten Elite und einer Zivilgesellschaft gerade im Süden des Landes.

Der Weg zur Unabhängigkeit der Goldküste[Bearbeiten]

Briefmarke der Gold Coast Colony (mit der Aufschrift „Ghana Independence 6th March 1957“ vom neuen Staat benutzt)

Die gesamte Zeit ihrer Herrschaft waren die Briten an der Goldküste mit unterschiedlichen Formen des Widerstandes konfrontiert. Vom Widerstand gegen die Einführung einer Kopfsteuer in den 1860er Jahren oder den bewaffneten Aufstand der Aschanti um 1900 über die Jugendbewegung der 30er Jahre bis hin zu wirtschaftlichen Boykottbewegungen in den 40er Jahren.

1947 gründete sich mit der United Gold Coast Convention Party eine Partei, die die Unabhängigkeit des Landes als Programm hatte. An führender Stelle stand dabei der spätere Gründerpräsident und Nationalheld von Ghana, Kwame Nkrumah. Die Partei nahm einen enormen Aufschwung durch die sogenannten Accra-Riots. Diese „Accra-Unruhen“ waren 1948 nach dem Tod zweier Demonstranten durch britische Polizeikugeln in Accra ausgebrochen, hatten sich bald in verschiedene Landesteile ausgebreitet und 29 Tote gefordert. Im Gefolge dieser Unruhen wurden etliche Führer der Partei inhaftiert, unter ihnen Kwame Nkrumah.

1949 gründete der landesweit bereits ungeheuer populäre Nkrumah eine neue Partei, die Convention People’s Party, die die Forderung nach Unabhängigkeit deutlich radikaler vertrat. Bei Wahlen 1950 gewann Nkrumahs CPP haushoch und nahezu landesweit.

1951 musste die Kolonialverwaltung den inzwischen wieder inhaftierten Nkrumah aus dem Gefängnis entlassen und ihn mit dem Amt eines „Führers der Regierungsgeschäfte“ betrauen. Während der Regierungszeit seiner Partei von 1951 bis 1954 kam es noch unter britischer Herrschaft zu außerordentlichen Fortschritten in der Infrastruktur der Goldküste in den Bereichen Verkehr und Bildung, so dass die CPP bei den nächsten Wahlen trotz inzwischen erwachsener regionaler, politischer Konkurrenz im Aschantigebiet wiederum deutlich gewann. Am 6. März 1957 endete die Geschichte der britischen Kolonie Goldküste mit der Gründung der unabhängigen Republik Ghana.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilhelm Bosmann: Reyse nach Guinea oder ausführliche Beschreibung dasiger Gold-Gruben / Elephanten-Zähn und Sclaven-Handels / nebst derer Einwohner Sitten / Religion / Regiment / Kriegen / Heyrathen und Begräbnissen / auch allen hieselbst befindlichen Thieren / so bishero in Europa unbekannt gewesen (Naauwkeurige beschryving van de Guinese Goud Tand en Slawenkust). Heyl & Liebezeit, Hamburg 1708.
  • Wilhelm Crecelius: Josua Ulsheimers Reisen nach Guinea und Beschreibung des Landes. In: Allemannia (Bonn), Band 7 (1879), S. 97–120.
  • James B. Webster, Albert Adu Boahen: The Revolutionary Years. West Africa since 1800. Longman, London 1984, ISBN 0-582-60332-3.
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Goldk%C3%BCste_(Kolonie)

Ghana war der erste afrikanische Nationalstaat, der die Unabhängigkeit von einer europäischen Kolonialmacht errang!

Freiheit für die Goldküste

1957 wurde Ghana unabhängig

Ghana war der erste afrikanische Nationalstaat, der aus der Kolonialherrschaft entlassen wurde. Doch nachdem die Briten dem Land vor 50 Jahren die Unabhängigkeit gewährt hatten, war der Traum von einer goldenen Zukunft schnell ausgeträumt. Den Fesseln der Kolonialherrschaft folgten sehr bald die Fesseln einer Diktatur.

Von Monika Köpcke

Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana. (AP)
Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana. (AP)

Es ist ein feierlicher Augenblick: Um Punkt null Uhr in der Nacht vom 5. auf den 6. März 1957 wird auf dem Alten Poloplatz in Accra der britische Union Jack eingeholt und an seiner Stelle die neue grün-gelb-rote Flagge mit dem schwarzen Stern in der Mitte gehisst. Ein neuer Staat ist geboren: Ghana.

Gut hundert Jahre lang hatten sechs europäische Mächte den afrikanischen Kontinent in Kolonien aufgeteilt und annektiert. Nun ist Ghana der erste unabhängige Staat Afrikas. Als britische Kolonie trug das Land den Namen Goldküste, benannt nach dem feinen Goldstaub an der afrikanischen Westküste. Gold, Elfenbein und der boomende Sklavenhandel hatten bereits seit dem 16. Jahrhundert Europäer in die Region gelockt, die hier lukrative Handelsstützpunkte einrichteten. Nur den Briten gelang es, sich dauerhaft festzusetzen. Nach acht Kriegen gegen den mächtigsten einheimischen Volksstamm der Aschanti erklärten sie die Region 1874 zur britischen Kronkolonie.

Im Gegensatz zu den anderen Kolonialmächten gaben die Briten den Afrikanern bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren und politisch zu betätigen. So entstand ein mit afroamerikanischer Hilfe finanzkräftiger „Verein zur Abwehr des Landkaufs durch Europäer“, es gab von den Briten unabhängige Schulen, eigene Zeitungen und eine politische Partei, die „Convention’s People Party“. Ihr Vorsitzender war der charismatische Kwame Nkrumah. 1952 wurde er Premierminister an der Goldküste, ein rein repräsentativer Titel, das Sagen hatten ausschließlich die Briten. Doch Nkrumah gelang es, über alle Stammesgrenzen hinweg die sechs Millionen Goldküsten-Bewohner für den Kampf um die Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft zu mobilisieren. Es war ein friedlicher Kampf: Mit Streiks und Demonstrationen übten die Menschen einen großen Druck auf die Briten aus, dem diese irgendwann nicht mehr standhalten konnten. Am 6. März 1957 entließen sie die Goldküste in die Unabhängigkeit, und Nkrumah wurde der erste Ministerpräsident des neuen Staates Ghana:

„Von heute an müssen wir unsere Vorstellungen ändern. Wir müssen realisieren, dass wir von nun an keine Kolonie mehr sind, sondern ein freies und unabhängiges Volk. Unsere Unabhängigkeit ist ohne Bedeutung, wenn sie nicht die völlige Freiheit für den afrikanischen Kontinent nach sich zieht.“

Ghana wurde Vorreiter und Vorbild für viele andere schwarzafrikanische Staaten, die zum Teil unter heftigen Geburtswehen in den 60er Jahren ihre Unabhängigkeit erlangten. Ghanas Ausgangsposition von 1957 war günstig: Der Unabhängigkeitskampf hatte die Menschen über alle Stammesgrenzen hinweg geeint, der Wirtschaft ging es gut, die Infrastruktur war intakt. Doch schon bald sollte Ghana der erste der jungen Staaten Afrikas werden, in dem die anfängliche Demokratie durch eine Diktatur abgelöst wurde.

Nach dem Vorbild der sozialistischen Staaten schaffte Nkrumah in den 60er Jahren das Mehrparteiensystem ab. Sich selbst stilisierte er zum Heiland und Erlöser, ihn zu kritisieren war Hochverrat. Das wirtschaftliche Kapital seines Landes verspielte er durch Großmannssucht und die Vernachlässigung der ländlichen Regionen. 1966 stürzte das Militär Nkrumah, in den folgenden 20 Jahren folgte ein Putsch dem anderen. Das Land war wirtschaftlich am Ende, als der letzte der vielen Militärdiktatoren, der Fliegerleutnant J.J. Rawlings, in den 80er Jahren das Steuer herumriss. Er unterwarf das Land den strengen Regeln des Internationalen Währungsfonds, führte das Mehrparteiensystem und die Pressefreiheit wieder ein und gab sich als gewendeter Demokrat:

„Demokratie ist keine Funktion, die man nur am Wahltag ausübt. Sie will jeden Tag neu praktiziert werden. Was mich betrifft, werde ich immer bedenken, dass demjenigen, dem viel anvertraut ist, umso mehr gefordert wird.“

Heute gilt Ghana als das politische und marktwirtschaftliche Musterland Westafrikas. Doch das ist ein sehr relativer Titel: Die Analphabetenquote ist hoch, fast die Hälfte der Einwohner lebt in Armut, und die ghanaischen Beamten gelten als die bestechlichsten weltweit.

Palmöl und Baumwolle fürs Kaiserreich: Die verschwiegene dunkle Seite Deutschlands in Afrika – brutales Kolonialsystem mit Auswirkungen bis heute noch in Togo und Ghana!

Die deutsche Kolonie Togo 1884-1914 – Reaktionen einer Fremdherrschaft von Peter Sebald

(Karten: http://ddc.arte.tv/unsere-karten/neues-aus-ghana)

28. Juni 2013 – 16:00 | | Kultur | 0 Kommentare

Die Geschichte der deutschen Kolonie Togo ist eine Geschichte der Zufälle und der Willkür, ein Erbe, das bis heute in den Ländern Togo und Ghana, die aus ihr entstanden sind, fortwirkt. Peter Sebald, deutscher Historiker, beschäftigt sich seit den 1950er Jahren mit der deutschen Kolonialgeschichte. Von 1990 bis 2010 sichtete er Akten vor Ort und zeichnet sich durch hervorragende Ortskenntnisse aus. Sein Buch Die deutsche Kolonie Togo 1884-1914 – Reaktionen einer Fremdherrschaft, erschienen im Ch.Links Verlag gibt einen intensiven Einblick in jenen Teil der deutsch-afrikanischen Vergangenheit.

Das Kaiserreich im Kolonialrausch

Als „Kolonialrausch“ Phase bezeichnet wurde jene Zeit, als das deutsche Kaiserreich auf einmal glaubte, sich „seinen Platz an der Sonne“ sichern zu müssen. Nach der Kongo-Konferenz 1884 sandte Reichskanzler Bismarck Generalkonsul Dr. Gustav Nachtigal nach Afrika, um im Wettlauf gegen England und Frankreich ein Stück an der Westküste Afrikas für Frankreich zu sichern. Tatsächlich kannten die Europäer bisher nur die als Sklavenküste bekannte Nordwestseite, wo seit dem 16. Jahrhundert die Sklavenjäger auf Menschenjagd gingen.

Nachtigal unterzeichnete auf eigene Faust zahlreiche Schutzverträge, die zunächst nur zum Ziel hatten, den Import von Schnaps und Waffen und den Export von Palmöl und Kautschuk zu erleichtern. Nicht vielen Deutschen gefiel das Leben in im heißen Togo, wie die neue Kolonie heißen sollte, deren Grenzen man willkürlich und mit roher Gewalt zog: Nur knapp 500 fanden sich bis 1914 dort ein, vornehmlich Handelsreisende.
Unter Landeshauptmann Puttkamer brachen die deutschen Kolonialherren mit einheimischen Söldnern zu ersten Expeditionen in das noch unbekannte Hinterland der Küste auf, wo sie mit brachialer Gewalt vorgingen:

Erst muss er [der Afrikaner] gefühlt haben, dass der Weiße der Stärkere ist, sonst wird er ihm niemals gehorchen. […] Hat er aber einmal die Rute gefühlt, so braucht er sie keineswegs immer, nur muss er wissen, dass sie für ihn nötigenfalls bereitliegt […], aber ein altes, hartnäckig aufgetischtes Märchen ist es, wenn die Erschließung Togos so hingestellt wird, dass die Eingeborenen die ersten Deutschen, die zu ihnen kamen, mit offenen Armen aufgenommen hätten. Sämtliche Stämme haben erst einmal <verhauen> werden müssen, noch bis in die letzten Jahre hinein haben Exekutionen stattgefunden. Dabei haben diese oft recht hart ausfallen müssen, ehe sie wirksam wurden.

erklärte Regierungsarzt Dr. Külz damals ungerührt.

Die Schattenseiten der Musterkolonie

Für diese Expeditionen wurde eine eigene Söldnertruppe ausgebildet, die nach vollbrachter Unterwerfung die Ausübung der Zentralgewalt vor Ort übernahm. Das engmaschige Netz der Überwachung und Unterdrückung sorgte dafür, dass es in Togo nie zu Aufständen der Einheimischen wie in anderen Kolonien kam. Ein brutales System aus Zwangsarbeit und Gewalt unterdrückte die Menschen. Harte Prügelstrafen selbst für Kinder waren an der Tagesordnung, ebenso wie Kettenhaft, Sippenhaft oder Besserungssiedlungen. Durch ein Zwangsarbeitssystem wurden Straßen, Eisenbahnlinien und später Kautschukplantagen angelegt, ab 1900 auch Baumwollplantagen, die die Regierung dann aber wieder vernachlässigte. Neue Eliten in der Administration, Häuptlingspolizisten, Dolmetscher und Söldner wurden eingesetzt und so die traditionellen Strukturen vernichtet.
Togo galt weithin als „Musterkolonie“. Dieser Ruf wurzelte darin, dass alle Verwaltungsausgaben durch Einfuhrzölle und Steuereinnahmen gedeckt wurden. Einen nicht geringen Teil der Steuereinnahmen machten Strafzahlungen der Einheimischen aus. Tatsächlich gab es weder ein breites Bildungssystem für die Einheimischen noch medizinische Versorgung, wie immer wieder gern behauptet wird. Der fehlende Widerstand gegen die Kolonialmacht hatte seine Ursache wohl auch darin, dass sich die verschiedenen Ethnien an der Küste und im Hinterland lange nicht als eine Gemeinschaft betrachteten.

Peter Sebalds Buch ist ein wichtiger und gut recherchierter Beitrag zur dunklen deutschen Geschichte in Afrika und einer Schuld, die schon viel zu lange als solche nicht benannt wird. Mit vielen Daten und Fakten zu Ereignissen, Menschen und Infrastruktur gibt er einen umfassenden Einblick in die Zusammenhänge jener Kolonialjahre, ohne dabei das Gefühl für die Schicksale zu verlieren, die hinter diesen Zahlen stehen, die Menschen hinter der Geschichte, wie er selbst schreibt. Genau das macht dieses Buch so stark und so wichtig.

Die Deutschen als Teil des vereinigten Europa werden aber auf absehbare Zeit ihre Kolonialvergangenheit nicht loswerden und sich auch nicht als Partner ehemaliger Kolonialmächte vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte drücken können. Im Gegenteil vermerken in Afrika Regierungsangehörige und politisch interessierte Menschen aufmerksam, wie in Deutschland Regierung, Medien, Parteien und Bürger sowohl mit der eigenen Kolonialgeschichte als auch mit der ihrer europäischen

BUCHKRITIK / ARCHIV | Beitrag vom 27.05.2013

Palmöl und Baumwolle fürs Kaiserreich

Peter Sebald: „Die deutsche Kolonie Togo 1884-1914. Auswirkungen einer Fremdherrschaft“, Ch. Links Verlag

Spuren der Geschichte: Frauen aus Togo lernen in der Hauptstadt Lomé die deutsche Sprache im Goethe-Institut. (Goethe-Institut)
Spuren der Geschichte: Frauen aus Togo lernen in der Hauptstadt Lomé die deutsche Sprache im Goethe-Institut. (Goethe-Institut)

Der versierte Kolonialhistoriker Peter Sebald erzählt die Geschichte der vermeintlichen Musterkolonie Togo, wo die Deutschen eine Eisenbahn bauten und die Eingeborenen zu „Pflichtarbeit“ heranzogen.

Als die ersten Deutschen im späten 19. Jahrhundert an den breiten Stränden Westafrikas auftauchten, hatte die Region schon eine lange, leidvolle Geschichte europäischer Kolonisation hinter sich. Nun kamen die Deutschen hinzu und reklamierten den noch kolonialherrenlosen Streifen Strand zwischen den heutigen Staaten Ghana und Benin für sich. Nach und nach eroberten sie das Hinterland hinzu, und so entstand die deutsche Kolonie Togo, die noch heute weitgehend deckungsgleich mit dem Staat Togo ist.

Diese Inbesitznahme schildert Peter Sebald in seinem Buch „Die deutsche Kolonie Togo 1884-1914“. Er durchmisst dabei die 30 Jahre währende Kolonialzeit, die mit dem Protektoratsvertrag von 1884 offiziell begann und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 abrupt endete.

Dazwischen ist viel passiert. Peter Sebald erzählt davon, wie die Deutschen erste Expeditionen ins Hinterland unternahmen, bis heute bindende Grenzziehungen quer durch alte Stammesgebiete vornahmen und wie sie ihre Verwaltung auf- und ihre Siedlungen ausbauten. Einheimische Widerständler unterwarfen sie mit Waffengewalt; gelegentlich reichte es schon, die Überlegenheit der deutschen Waffen bloß vorzuführen, wie etwa das seit 1897 gebräuchliche Maschinengewehr.

Peter Sebald schildert außerdem, wie die Deutschen befahrbare Straßen und drei Eisenbahnstrecken im Land bauten, um vor allem Palmöl, Palmkerne und Baumwolle von den Plantagen zum Hafen transportieren zu lassen, von wo aus die Güter ins Deutsche Reich verschifft wurden.

Weil die ökonomische Bilanz der Kolonie Togo eindrucksvoll ausfiel – auch im Vergleich zu den anderen deutschen Kolonien –, wurde Togo in Berlin sehr bald schon die „Musterkolonie“ genannt. Außerdem gab es aus Togo keine größeren Aufstände zu vermelden, selbst wenn die Kolonialherren natürlich auch dort kräftig prügelten und punktuell sogar mordeten. Darauf weist der versierte Kolonialhistoriker Peter Sebald ebenso hin wie auf die Tatsache, dass der wirtschaftliche Erfolg der Kolonie nicht nur grundsätzlich auf Landraub beruhte, sondern auch darauf, dass die Einheimischen Geldstrafen und Steuern entrichten und „Pflichtarbeit“ ableisten mussten.

Die Detailfülle des Buches ist seine Stärke und seine Schwäche zugleich. Sebald, der 1988 bereits ein 800-Seiten-Werk zu Togo publiziert hat, ist es offenbar schwergefallen, Informationen wegzulassen. So fehlt dem Text manchmal der rote Erzählfaden bei gleichzeitiger Überfülle an Informationen, was die Lektüre schwierig macht. Die überblicksartigen Darstellungen zu kolonialadministrativen, politischen und wirtschaftlichen Fragen hätten ausgedünnt werden können, um einige Kolonialpersönlichkeiten oder ausgewählte Quellentexte wie etwa Briefe ausführlicher vorzustellen. So hätte der Leser die Möglichkeit gehabt, weniger in die Breite, sondern mehr in die Tiefe zu blicken.

Sehr gelungen ist aber wieder einmal die reiche Ausstattung mit Karten und historischen Fotos, für die die Publikationen zur Kolonialgeschichte aus dem Christoph-Links-Verlag bekannt sind.

Besprochen von Katharina Borchardt

Peter Sebald: Die deutsche Kolonie Togo 1884-1914. Auswirkungen einer Fremdherrschaft
Christoph Links Verlag, Berlin 2013
205 Seiten, 29,90 Euro

Partner umgehen.

http://diefreiheitsliebe.de/kultur/die-deutsche-kolonie-togo-1884-1914-reaktionen-e

iner-fremdherrschaft-von-peter-sebald/

 

http://www.deutschlandradiokultur.de/palmoel-und-baumwolle-fuers-kaiserreich.950.de.html?dram:article_id=247946

Koloniale Herrschaft in Togo. Eine Episode aus dem Hinterland der deutschen Kolonie Togo[1]

Von Jürgen Nagel

Die kleine Episode aus der deutschen Kolonie Togo, die hier vorgestellt wird, stammt mitten aus dem kolonialen Alltag und ist weit weg von der Wahrnehmung der gängigen Kolonialgeschichtsschreibung angesiedelt, die nach wie vor selten unter die Ebene der Gouvernements vordringt.[2] Gerade deshalb scheint sie geeignet, die Vielschichtigkeit des Phänomens »Kolonialismus« zu veranschaulichen. Dieses lässt sich eben nicht als simple Dichotomie von »Kolonisatoren« und »Kolonisierten« oder ausschließlich als einseitiges, uneingeschränktes Unterdrückungsverhältnis erklären, mithin nicht als dual society.[3] Allein die quantitative Unverhältnismäßigkeit zwischen indigener Bevölkerung und europäischen Kolonisatoren spricht dagegen. In Togo waren gegen Ende der Kolonialzeit gerade 320 Deutsche und 560 afrikanische Polizisten stationiert, die gut eine Million Einwohnern beherrschten.[4] In manch großen Kolonien wie Britisch-Indien war das Missverhältnis noch weitaus drastischer. Unter solchen Bedingungen konnte koloniale Herrschaft nur gelingen, wenn auch einheimische Eliten über einen gewissen Zugang zu Machtressourcen verfügten und in das System eingebunden wurden. Der Machtkampf im Zuständigkeitsbereich der Bezirksstation Misahöhe, von dem in der Quelle berichtet wird, verweist auf eine gängige Vorgehensweise nicht nur der deutschen Kolonialadministration, aber auch auf deren Problematik.

Die geschilderten Ereignisse trugen sich zu, als die »Pionierphase« des deutschen Kolonialreichs in Afrika längst abgeschlossen war.[5] Die territorialen Besitzansprüche waren weitgehend konsolidiert; in Namibia und Tanganyika wurden mit den Aufständen der Nama und Herero sowie der Maji-Maji-Bewegung gerade die letzten bewaffneten Widerstände grausam niedergeschlagen. Togo selbst war weit entfernt von solchen Unruhen. Graf Zech war im Juni 1904 stellvertretender Gouverneur des weitgehend friedlichen »Schutzgebietes«, trat aber, was auch in der Quelle deutlich wird, bereits wie der offizielle Amtsinhaber auf. Der eigentliche Gouverneur weilte zu diesem Zeitpunkt in Deutschland und kehrte nicht mehr in die Kolonie zurück; Julius von Zech wurde 1905 auch formal sein Nachfolger. Der zweite Protagonist der Episode, der Naturwissenschaftler und Geograph Dr. Hans Gruner, hielt sich schon seit 1892 in Togo auf und leitete mit wenigen Unterbrechungen bis 1914 die Bezirksstation Misahöhe. Diese 1890 gegründete Station lag rund 100 Kilometer nördlich von Lome, dem Verwaltungssitz Togos, und gerade einmal acht Kilometer westlich von Palime, dem späteren Endpunkt der Eisenbahnlinie. Der von hier aus regierte Verwaltungsbezirk gleichen Namens umfasste den südlichen Teil des Togogebirges und die östlich und westlich vorgelagerten Bergketten. Hierzu gehörten die fruchtbarsten, wald- und regenreichsten Gebiete der Kolonie. Vor allem aber handelte es sich um einen bedeutenden Teil des Siedlungsgebiets der Ewe.[6]

Die Volksgruppen der Ewe prägten die deutsche Vorstellung von den »Eingeborenen« ihrer Kolonie nachhaltig. Die soziokulturelle Vielgestaltigkeit Togos erschloss sich den Kolonisatoren erst nach und nach. Die Ewe bildeten eine bäuerliche Gesellschaft, die in größeren Dörfern lebte und in patrilinearenlineage-Strukturen, also nach Verwandtschaftsgruppen, organisiert war.[7] Die jeweiligen Familienoberhäupter wurden nach dem Anciennitätsgrundsatz bestimmt: Immer das älteste männliche Mitglied der ältesten Generation übernahm die Führung, bis diese erschöpft war und bei der nächsten Generation fortgefahren wurde. An der Spitze der politischen Organisationseinheiten der Ewe, die sich in drei Ebenen gliederte (Staaten, Dorfgemeinschaften, Nachbarschaftseinheiten), standen aus den führenden lineages gewählte »Oberhäuptlinge« und »Häuptlinge« wie sie von den Deutschen bezeichnet wurden. Die Oberhäuptlinge, die den territorial definierten, vergleichsweise kleinen Ewe-Staatswesen vorstanden, wurden von einem kleinen Stab aus ihnen persönlich verbundenen Funktionsträgern und einem Rat unterstützt, der aus der königlichen lineage von deren Ältesten in Abstimmung mit den Ältesten der untergeordneten Einheiten gewählt wurde. Dieser Ältestenrat konnte den Oberhäuptling durchaus einschränken, sogar absetzen. Im Unterschied zu vielen anderen Kulturen Westafrikas regiert er nicht im Namen der Ahnen, sondern im Namen der Ältesten. Seine Aufgaben waren primär zeremonieller und ritueller Natur; er fungierte allerdings auch als oberster Richter, der sich die Rechtsprechung bei Tötungsdelikten und die Rolle als Schlichtungsinstanz vorbehielt. Im Regierungsalltag entschied der Oberhäuptling stets zusammen mit den Ältesten – eine verbreitete Vorgehensweise, die traditionellen afrikanischen Politiksystemen gelegentlich die Bezeichnung »Palaverdemokratie« eingebracht hat. Die Ältesten der führenden lineages waren es auch, welche die untergeordneten Einheiten im Rat des Oberhäuptlings vertraten. Neben die aus den privilegierten Clans gewählten Häuptlinge trat also eine Parallelstruktur der lineage-Ältesten.

Gouverneur Zech berichtet nun von einem Konflikt mit genau solchen Vertretern der Ewe. Die angespannte Situation drohte sich in einem Aufruhr zu entladen, verlief aus deutscher Sicht jedoch glimpflich. Ursache waren Streitigkeiten im Bezirk Misahöhe, wo der ehemalige Oberhäuptling Delume kurz vor seinen Tod das Amt weiterhin für seine Familien sichern wollte, indem er seinen Sohn Tshaho zum Oberhäuptling ausrief. Er stieß beim Vertreter der deutschen Kolonialverwaltung vor Ort, dem Bezirksamtmann Gruner, schon allein deshalb auf Ablehnung, weil die deutsche Seite längst mit Sodyi einen anderen Oberhäuptling eingesetzt hatte und nicht bereit war, Tshaho an dessen Stelle zu akzeptieren. Ausder erregten, aber noch gewaltlosen Auseinandersetzung zwischen den Anhängern beider Parteien erwuchs Gruners Befürchtung eines Aufruhrs, die Graf Zech veranlasste, persönlich nach dem Rechten zu sehen. Der Gouverneur stellte keine Pläne für »ernstliche Widersetzlichkeiten« fest, griff aber dennoch durch: Außer dem zu gebrechlichen Delume wurden die Wortführer seiner Partei vorübergehend interniert und Tshaho wegen Sklavenhandel in Haft genommen. Zumindest aus der Perspektive des Berichterstatters erwies sich der drohende Aufruhr letztendlich als Sturm im Wasserglas.

Einschränkend muss allerdings betont werden, dass es sich hierbei ausschließlich um die Wahrnehmung des berichtenden Gouverneurs handelt. Man kann davon ausgehen, dass ein erfahrener Bezirksamtmann wie Gruner nicht gleich beim ersten Widerspruch von Einheimischen den Gouverneur persönlich um Beistand gebeten hat. Insofern war der Konflikt – zumindest zeitweise – tatsächlich für die deutschen Interessen vor Ort bedrohlich. Mehr kann zu Gruners Einschätzung kaum gesagt werden, und ob die We-Leute nicht ganz anders berichten hätten, zumal eine Anklage wegen Sklavenhandel für den Betroffenen alles Andere als eine Marginalie war, liegt endgültig im Reich der Spekulation.

Über die Fakten des konkreten Konflikts hinaus verrät der Bericht einiges über die lokalpolitischen Verhältnisse in We zur deutschen Kolonialzeit. Die oben angesprochene Häuptlingsstruktur bestand nach wie vor; für größere Einheiten wie das Gebiet der We existierte noch immer das Amt eines Oberhäuptlings. In diesem Falle handelte es sich aber um einen von den Deutschen eingesetzten Amtsinhaber, der einen ihnen feindlich gesonnenen abgelöst hatte. Die Kolonialverwaltung achtete darauf, auch den neuen Oberhäuptling aus einer dafür in Frage kommenden Familie zu berufen. Dieser Akt bedeutete natürlich nicht, dass der ursprüngliche Amtsinhaber seine Ansprüche aufgab. Im vorliegenden Fall meldete er sie kurz vor seinem wahrscheinlichen Tod sogar noch einmal vehement an, indem er seinen Sohn als zukünftigen Oberhäuptling zu installieren suchte. Gruner lehnte es jedoch ausdrücklich ab, diesen als Oberhäuptling anzuerkennen. Die vorkoloniale, indigene Häuptlingsstruktur war im Prinzip von der Kolonialverwaltung übernommen worden, aber so weit abgeändert und instrumentalisiert, dass neue Amtsinhaber ausdrücklich von ihr anerkannt werden mussten und dass im Zweifelsfall die deutsche Seite einen ihr genehmen Kandidaten durchsetzte.

Neben der Praxis kolonialer Machtausübung in Deutsch-Togo spiegelt sich in Zechs Bericht auch die indigene Reaktion darauf. Es ist kaum verwunderlich, dass jene zu Widerspruch, auch Widerstand führte. Aber es zeigt sich, dass daraus auch Spannungen innerhalb der indigenen Bevölkerung resultierten. Die Reaktion auf Delumes Ansinnen und Gruners Zurückweisung waren keinesfalls einheitlich. Aus deutscher Sicht zahlte es sich nun aus, dass nicht rücksichtslos ein Strohmann oder eine Marionette auf den Posten gehoben worden war, sondern ein Mitglied aus einer der führenden Familien in We. Damit machte man sich die Machtrivalitäten innerhalb der We-Gesellschaft zu Nutzen. Entsprechend stand Gruner, als er sich am 3. Juni 1904 der Versammlung der We stellte, nicht einer geschlossen gegen seine Politik opponierenden Volksgruppe gegenüber; vielmehr gerieten sich zu diesem Anlass die Anhänger Delumes und Sodyis gegenseitig in die Haare.

Die Vorgehensweise der beiden entscheidenden deutschen Protagonisten in diesem Zusammenhang, Gruner und Zech, war zunächst diplomatischer Natur und endete schließlich in der Durchsetzung kolonialer deutscher Gerichtsbarkeit. Es bestätigt sich die zentrale Rolle vor allem des Bezirksamtmanns in dieser Struktur. Die eigentlich fragile deutsche Herrschaft im Bezirk – in Misahöhe waren kaum eine Handvoll Deutsche und ein bis zwei Dutzend indigene Polizisten stationiert – erscheint nicht wirklich gefährdet gewesen zu sein. Zum einen war das koloniale Drohpotential offenbar groß genug, um ernsthafte Kriegspläne seitens der Partei Delumes gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zum anderen wirkte sich stabilisierend aus, dass der Konflikt in die We-Gesellschaft hinein verlagert werden konnte. Und schließlich ist der Ausgang der Episode ein Zeichen dafür, dass diese Art von Konflikt nicht wirklich prekär für die deutsche Kolonialherrschaft war. Diesen Eindruck hinterlassen auch andere deutsche Zeugnisse aus der Zeit. Hier sei nur kurz auf ein einziges Beispiel verwiesen. 1907 berichtete der Assessor Rudolf Asmis, der im Auftrag von Gouverneur Zech die Kolonie Togo bereiste, um Material über die Rechtsverhältnisse vor Ort zu sammeln, Folgendes nach Lome:

»Die Eingeborenen hatten sich anscheinend schon durchweg an das neue Recht gewöhnt. Das Vertrauen, das die Eingeborenen den Bezirksleitern offensichtlich entgegenbrachten, die ständige Zunahme der vor die Stationen gebrachten Streitfälle und die wenigen zunächst verheimlichten Straftaten beweisen das zur Genüge. Streng wurde von den von mir befragten Farbigen stets der frühere und der jetzige Zustand geschieden. Häufig hörte ich auch die Aeusserung, dass die jetzigen Rechtszustände besser als die früheren wären, die jetzige Sicherheit und Gerechtigkeit wurde gegenüber der früheren Willkür voll gewürdigt, ja, häufig wurden schon verschiedene der alten Sitten und Gebräuche als veraltet belächelt.«[8]

Die deutsche Kolonialverwaltung erscheint auch hier als etabliert und durchaus nicht grundlegend angefeindet. Natürlich ist zu berücksichtigen, dass die Sicht von Asmis gelegentlich etwas überschwänglich gerät. Zudem hat er sicherlich von den Befragten nicht immer alles erfahren oder nur das erzählt bekommen, was er hören wollte. Aber man kann aufgrund der Art der Quelle, eines internen Berichts an den Gouverneur, davon ausgehen, dass Asmis Probleme, die bei der Durchsetzung kolonialer Rechtszustände und Gerichtsbarkeit aufgetreten waren, auch angesprochen hätte – was er zu anderen Gelegenheiten auch getan hat. Insgesamt zeigt sich, dass der indigene Umgang mit deutscher Vorherrschaft und Verwaltung respektive mit deutschem Recht nicht durchgehend ablehnend, sondern weitaus differenzierter war.

Den Hintergrund hierfür bildete die Tatsache, dass in der deutschen Kolonie Togo ein koloniales Häuptlingssystem entwickelt worden war,[9] das auf dem Gedanken indirekter Herrschaftsausübung (indirect rule) basierte. Die Position der Häuptlinge blieb erhalten, vordergründig auch der Prozess ihrer Rekrutierung. Da ein neuer Amtsinhaber immer vom Bezirksamtmann bestätigt werden musste, was einen sicherlich häufig als demütigend empfundenen Antrittsbesuch in der Bezirksstation einschloss, erlaubte je nach Charakter des Bezirksamtmanns oder der augenblicklichen kolonialen Interessen ein gerütteltes Maß an Willkür seitens der Kolonialverwaltung. Schwerer als eventuelle Demütigungen wog die Delegitimierung der Häuptlinge, die sie in ihrer eigenen Gesellschaft durch das Eingreifen der Kolonialmacht erfuhren. Indem man sich interne Streitigkeiten zunutze machte, um genehme Herrscher zu installieren, trugen die Deutschen zur Destabilisierung der Strukturen bei, auf denen sie eigentlich aufbauen wollte. Etwas kommt noch hinzu: Aus dem mangelnden Verständnis indigener Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen wurde nicht nur die Parallelstruktur (lineage-Älteste) weitgehend ignoriert, sondern dieses System überall durchgesetzt, auch dort, wo es nie existiert hatte, nämlich bei einigen akephalen Gruppen in Togo. Wie in vielen anderen Kolonien wurden auf diese Weise »Könige« oder »Häuptlinge« von den Europäern regelrecht erfunden, um von indigener Seite nicht selten perpetuiert zu werden – ein Prozess, der als invention of tradition Eingang in die Forschung gefunden hat.[10]

Die deutschen Kolonialherren bewegten sich mit ihrer Vorgehensweise durchaus im kolonialen »Mainstream« des frühen 20. Jahrhunderts, der von Formen der indirekten Herrschaft in verschiedenen Abstufungen geprägt war. Auf dem indischen Subkontinent stellte die indirect rulelängst den britischen Herrschaftsalltag dar. Frederick D. Lugard, der als Hochkommissar des Protektorats Nordnigeria (1900-1906) und als erster Gouverneur der vereinigten Kolonie Nigeria (1914-1919) in führender Position in Westafrika tätig war, erhob schließlich in seinem Buch The Dual Mandate in British Tropical Africa (1922) die Einbeziehung indigener Eliten generell zum zentralen Konzept kolonialer Herrschaft.[11] Damit wurde die Konsequenz aus der Erfahrung gezogen, dass »imperiale Autorität überall dort erfolgreich etabliert werden konnte, wo sie in der Lage war, auf den eigenen Legitimitätsvorstellungen des Kolonialvolkes aufzubauen«,[12] wie Jahrzehnte später der britische Imperialismusforscher Donald A. Low formulierte. Ohne Despotismus war koloniale Herrschaft weder zu etablieren noch aufrechtzuerhalten – aber eben auch nicht ohne Intermediarität.[13] Der Bericht aus Misahöhe illustriert die intermediäre Seite dieser Herrschaftsform, die zum Verständnis des Kolonialismus ebenso notwendig ist wie der hier nur am Horizont drohende Despotismus.

Koloniale Systeme konnten sich also nie allein aus den Machtressourcen der Zentrale speisen.[14]»Kollaboration« einschließlich des Bemühens, das Interesse wichtiger indigener Gruppen am Fortbestehen des kolonialen Systems aufrechtzuerhalten, war einer der wesentlichen Faktoren, die koloniale Machtausübung erst ermöglichten – neben der Androhung und Anwendung von Gewalt, der Übernahme traditioneller Herrscherrollen und ihrer Symbolik, der systematischen Sammlung von Informationen über die kolonisierten Gesellschaften sowie der Strategie des divide et impera. In traditionell hierarchischen Gesellschaften begnügten sich die Kolonialmächte zumeist damit, nur die Spitzen des bestehenden Regimes zu beseitigen und zumindest Teile seiner Eliten durch Privilegien zu stabilisieren. Stießen die Kolonisatoren auf erheblichen Widerstand, entfiel die Grundlage für die Kollaboration mit den traditionellen Eliten, die in der Regel vollständig entmachtet wurden. Während einer Phase direkter Herrschaft musste ein Kollaborationsverhältnis mit neuen gesellschaftlichen Kräften aufgebaut werden. Zwar eliminierten die Deutschen in ihrer Kolonie Togo nur äußerst selten die traditionellen Eliten in größerem Umfang, machten sich aber interne Rivalitäten zunutze, um die für sie günstigste Machtstruktur zu fördern. Genau darin bestand die Strategie von Graf Zech und Dr. Gruner im Sommer 1904.

Die Grundkonstellation, die sich dahinter verbirgt, hat bereits 1972 der norwegische Friedensforscher Johan Galtung in seiner strukturellen Theorie des Imperialismus beschrieben.[15] Er betont die Spannungen innerhalb der Peripherie, also der kolonisierten Gesellschaft, die in sich selbst Zentren und Peripherien aufweist. Imperialismus kann nach Galtung nur funktionieren, wenn die Interessen des kolonialen und des peripheren Zentrums näher beieinanderliegen als die Interessen innerhalb der Peripherie selbst. Interessenkonflikte in der Peripherie (der Kolonie) waren die entscheidende Grundlage für die Herrschaft des Zentrums (der Kolonialmacht). Was sich sehr abstrakt und auf globaler Ebene angesiedelt anhört, zeigt sich im vorliegenden Fall auch in der kleinsten Einheit kolonialer Machtausübung. Wenn man die von Galtung postulierte Situation für den kolonialen Alltag beobachten kann, wie es für Misahöhe im Jahr 1904 offensichtlich der Fall ist, dann ist man der eigentlichen Erklärung dafür auf der Spur, wie das äußerst geringe koloniale Personal große afrikanische Bevölkerungsgruppen dominieren konnte – schließlich war in Misahöhe Hans Gruner fast auf sich allein gestellt. Die sich hierbei offenbarenden Interessengegensätze auf verschiedenen Ebenen haben auch die renommierten Kolonialhistoriker Ann Laura Stoler und Frederick Cooper im Blick, wenn sie neuerdings ein »gesamtheitliches« Verständnis von Kolonialismus einfordern.[16] Sie betonen die unscharfe Zuordnung der einzelnen Akteure, wie sie auch in Misahöhe zum Ausdruck kommen. Die Ewe-Eliten im »Oberhäuptlingstum« We waren ebenso wenig uneingeschränkte Machthaber wie hilflose Opfer. Ihr eigener Aktionshorizont war multipolar, er bezog interne Rivalen im tradierten System genauso ein wie die koloniale Repräsentanz im neuen System. Letztendlich waren sie Opfer und Profiteure kolonialer Herrschaft zugleich – auf jeden Fall aber waren sie Akteure.

Nur ein angemessenes Verständnis der jeweiligen Binnenstruktur von Zentrum und Peripherie führt letztendlich zum Verständnis der Funktionsweise des Kolonialismus insgesamt. Die hier vorgestellte Quelle kann dies insbesondere für die Seite der Peripherie deutlich machen. Für den konkreten Fall wäre den Machtstrukturen, Interessenlagen und Konflikten innerhalb der Ewe-Gemeinschaft von We weiter nachzugehen. Auf Seiten der Kolonisatoren als Vertreter des Zentrums wäre ebenfalls eine Binnendifferenzierung wichtig, die hier jedoch nicht hinreichend zutage tritt. Da der Quellentext das Einschreiten der nächsthöheren Ebene in den Mittelpunkt stellt, wirkt der Bezirksamtmann passiver, als es in der Realität der Fall war. Immerhin war es Gruner, der nicht nur in We erfolgreich den Versuch unternommen hatte, durch Ausnutzung der Ewe-Strukturen die eigene Macht im Bezirk zu stabilisieren. Damit war auch er maßgeblich daran beteilig, Konflikte wie den vorgestellten hervorzurufen. Insofern liefert die kleine Episode aus dem politischen Alltag der deutschen Kolonie Togo zwar keine wirklich neuen Erkenntnisse, veranschaulicht aber den lokalen Kontext kolonialer Machtausübung und verrät vielleicht mehr über die Aufrechterhaltung kolonialer Herrschaft, als dies eine Aufrechnung von militärischen Truppenstärken oder ökonomischen Ausbeutungsparametern erlaubt.


[1] Essay zur Quelle: Koloniale Herrschaft in Togo. Ein Bericht aus den Verwaltungsakten der deutschen Kolonie Togo (24. Juni 1904).

[2] Erfreulicherweise liegen gerade für Togo mittlerweile zwei wichtige Untersuchungen vor, die der Rolle der »subalternen« Kolonialbeamten vor Ort gerecht wird: Trotha, Trutz von, Koloniale Herrschaft. Zur soziologischen Theorie der Staatsentstehung am Beispiel des »Schutzgebietes Togo«, Tübingen 1994; Zurstrassen, Bettina, Ein Stück deutscher Erde schaffen. Koloniale Beamte in Togo 1884-1914, Frankfurt/Main 2008.

[3] Ein solches einflussreiches, aber mittlerweile überholtes Verständnis von Kolonialgesellschaften postulierte der britische Kolonialbeamte und Sozialwissenschaftler Furnivall, John S., Colonial Policy and Practice. A Comparative Study of Burma and Netherlands India, Cambridge 1948.

[4] Für die Faktengrundlage der deutschen Kolonialgeschichte in Togo nach wie vor grundlegend: Sebald, Peter, Togo 1884-1914. Eine Geschichte der deutschen »Musterkolonie« auf der Grundlage amtlicher Quellen (Studien über Asien, Afrika und Lateinamerika, 29), Berlin 1988.

[5] Grundlegend zur Geschichte des deutschen Kolonialismus siehe Gründer, Horst, Geschichte der deutschen Kolonien, 5., mit neuer Einleitung und aktualisierter Bibliografie versehene Auflage, Paderborn 2004; Conrad, Sebastian, Deutsche Kolonialgeschichte, München 2008; Speitkamp, Winfried, Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2006.

[6] Von Graf Zech stammen auch die Lemmata zu den Ewe und zu Misahöhe im wichtigsten Nachschlagewerk des deutschen Kolonialismus, siehe Schnee, Heinrich (Hg.), Deutsches Koloniallexikon, Leipzig 1920, Bd. 1, S. 594, sowie Bd. 2, S. 563/564.

[7] Die folgende kurze Skizze folgt den ethnologischen Hintergründen, wie sie in Trotha, Koloniale Herrschaft, dargelegt werden.

[8] BArchB, R 1001, Nr. 5006, Bericht von Rudolf Asmis, Lome 17.5.1907, Bl. 5-8, hier Bl. 5v.

[9] Trotha, Koloniale Herrschaft, S. 219-334.

[10] Ranger, Terence, The Invention of Tradition in Colonial Africa, in: Hobsbawm, Eric J.; Ranger, Terence (Hgg.), The Invention of Tradition, Cambridge 1983, S. 211-262.

[11] Lugard, Frederick D., The Dual Mandate in Tropical British Africa, Edinburgh 1922.

[12] Low, Donald, Der zum Sprung ansetzende Löwe, in: Albertini, Rudolf von (Hg.), Moderne Kolonialgeschichte (Neue Wissenschaftliche Bibliothek, 39), Köln 1970, S. 85-102, Zitat S. 93.

[13] Trotha, Trutz von, Was war Kolonialismus? Einige zusammenfassende Befunde zur Soziologie und Geschichte des Kolonialismus und der Kolonialherrschaft, in: Saeculum 55 (2004), S. 49-95, Zitat S. 53, zur kolonialen Herrschaft S. 60-71.

[14] Für das Folgende: Osterhammel, Jürgen, Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 1995, S. 71-75.

[15] Galtung, Johann, Eine strukturelle Theorie des Imperialismus, in: Senghaas, Dieter (Hg.), Imperialismus und strukturelle Gewalt. Analysen über abhängige Reproduktion, Frankfurt/Main 1972, S. 29-104.

[16] Stoler, Ann Laura; Cooper, Frederick, Zwischen Metropole und Kolonie. Ein Forschungsprogramm neu entdecken, in: Kraft, Claudia; Lüdtke, Alf; Martschukat, Jürgen(Hgg.), Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen, Frankfurt/Main 2010, S. 26-66.



Literaturhinweise

  • Cooper, Frederick, Colonialism in Question. Theory, Knowledge, History, Berkeley 2005.
  • Osterhammel, Jürgen, Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 1995.
  • Sebald, Peter, Togo 1884-1914. Eine Geschichte der deutschen »Musterkolonie« auf der Grundlage amtlicher Quellen (Studien über Asien, Afrika und Lateinamerika, 29), Berlin 1988.
  • Trotha, Trutz von, Koloniale Herrschaft. Zur soziologischen Theorie der Staatsentstehung am Beispiel des »Schutzgebietes Togo«, Tübingen 1994.
  • Zurstrassen, Bettina, Ein Stück deutscher Erde schaffen. Koloniale Beamte in Togo 1884-1914, Frankfurt/Main 2008.


Zitationsempfehlung:

Nagel, Jürgen: Koloniale Herrschaft in Togo. Eine Episode aus dem Hinterland der deutschen Kolonie Togo. In: Themenportal Europäische Geschichte (2011),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2011/Article=521.Bitte geben Sie beim Zitieren eines Beitrags neben der Url auch immer das Datum Ihres Besuchs der Seite in Klammern an!

http://www.europa.clio-online.de/site/lang__de/ItemID__521/mid__12201/40208770/Default.aspx

In Ghana betrieben europäische Kolonialherrscher drei Jahrhunderte lang den größten Sklavenhandel Afrikas – 1820 erklärten die Briten Ghana unter dem Namen „Goldküste“ zu ihrer Kolonie. Trotz einheimischer Widerstände waren die Ghanaer zunächst machtlos gegen die überlegene Besatzungsmacht. Die Geschichte des unabhängigen Ghanas begann mit dem Politiker Kwame Nkrumah. Er setzte sich an die Spitze der Widerstandsbewegung, organisierte Streiks und Boykotte und war somit maßgeblich daran beteiligt, dass sich Ghana am 6. März 1957 als erstes schwarzafrikanisches Land von der Kolonialherrschaft befreite.

Afrika

Ghana

In Ghana betrieben europäische Kolonialherrscher drei Jahrhunderte lang den größten Sklavenhandel Afrikas. Doch Ghana war auch einer der ersten Staaten Afrikas, der sich seine Unabhängigkeit erkämpfte. Früher wurde das Land auch „Goldküste“ genannt, denn in den Böden und Flüssen fanden die damaligen Kolonialherren riesige Goldvorkommen. Auch heute noch ist Ghanas wichtigstes Exportgut Gold.

Ghanas Geografie

Ghana liegt am Golf von Guinea: dort, wo der Atlantische Ozean im Norden und im Osten auf die Küsten der westafrikanischen Länder trifft. Das Land grenzt im Westen an die Elfenbeinküste, östlich an Togo und im Landesinneren an Burkina Faso. Im Vergleich ist Ghana ungefähr so groß wie Großbritannien, mit dessen Geschichte es durch die Kolonialzeit eng verbunden ist. Das Land zählt etwa 25 Millionen Einwohner und ist in zehn Verwaltungseinheiten aufgeteilt, vergleichbar mit den Bundesländern in Deutschland.

Ein ghanaischer Fußballfan feiert seine Mannschaft beim African Cup 2015 beim Spiel gegen Algerien

Ein Fußballfan feiert in ghanaischen Farben

Im Süden des Landes, an der Küste, liegt Ghanas Hauptstadt Accra. Sie wurde von einem afrikanischen Händlervolk gegründet, den Ga. Als Ackerbauern betrieben sie an der Küste Landwirtschaft und wollten mit den portugiesischen Seefahrern Handel treiben, die damals die Westküste Afrikas erkundeten. Heute zählt Accra mehr als drei Millionen Einwohner. Die Stadt wächst rasant, denn viele Menschen ziehen mit der Hoffnung auf Arbeit von den Dörfern in die Hauptstadt.

Sprache und Bildung

Die Amtssprache in Ghana ist englisch, ein Erbe der britischen Kolonialmacht. Englisch wird in Ghana von allen Menschen mit Schulbildung gesprochen, alles in allem von rund 60 Prozent der Bevölkerung. Im Land besteht Schulpflicht und das erklärt, warum die meisten qualifizierten ausländischen Arbeiter in westafrikanischen Ländern aus Ghana stammen: Ingenieure, Ärzte, Piloten, Lehrer, Krankenschwestern, Maurer, Mechaniker,…

Kofi Annan.

Kofi Annan

Der berühmteste Ghanaer ist Kofi Annan. Er war bis 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Für seinen Einsatz zur Verbesserung der Menschenrechte und für den Weltfrieden wird Annan von vielen Menschen in Ghana als Volksheld verehrt. Er ist an einem Freitag geboren – das erkennt man an seinem Vornamen Kofi. In Ghana werden die Menschen nach dem Tag ihrer Geburt benannt und so gibt es im Grunde nur vierzehn Vornamen: sieben für Männer und sieben für Frauen.

Reich an Landschaften…

Ghana ist ein tropisches Land, das klimatisch vom nahen Äquator beeinflusst wird. So gibt es in Ghana keine vier Jahreszeiten, sondern nur eine trockene und eine feuchte Jahreszeit. Die Trockenzeit ist sehr heiß, die Regenzeit schwül-warm. Die Landschaften in Ghana wechseln schnell: Es gibt Dickicht, Grasland, Savanne und auch Regenwald. Vor allem in den tropischen Wäldern ist vieles noch weitgehend unerforscht. Dort gibt es uralte riesige Bäume und exotische Pflanzen.

Ursprünglich war der Regenwald in Ghana viel größer als heute, aber nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte Ghanas Kolonialmacht Großbritannien Geld. Die Edelhölzer wurden gefällt, weitflächige Kakao- und Kaffeeplantagen angelegt und große Areale für Ananasfarmen gerodet. Auch heute exportiert Ghana noch Kaffee, Tee, Kautschuk, Zuckerrohr und Kakao in den Westen. Das Land an der Westküste Afrikas ist nach der Elfenbeinküste weltweit der zweitgrößte Produzent von Kakao. Zurück importiert werden weiterverarbeitete Produkte: Schokolade, aber auch zum Beispiel Seife und Autoreifen. Dadurch kann sich Ghana, wie viele andere afrikanische Länder auch, wirtschaftlich schlecht weiterentwickeln.

… und Bodenschätzen

Kakaopflanze.

Ghana ist der zweitgrößte Exporteur von Kakao

Ghana versucht heute, sich von den Monokulturen aus der Kolonialzeit zu trennen und konzentriert sich mehr auf seine einheimischen Produkte wie Sheabutter, Baumwolle und Kolanüsse. Auch die Viehzucht gewinnt an Größe, vor allem Schafe, Rinder und Ziegen werden im ganzen Land gezüchtet. Mit seinen fruchtbaren Böden ist Ghana ein agrarwirtschaftliches Land, über die Hälfte der Bevölkerung ist hier beschäftigt. Im Küstengebiet ist auch die Fischerei ein großer Wirtschaftszweig.

Gold ist und bleibt das wichtigste Exportgut des Landes. Es macht über 30 Prozent vom gesamten Export aus. Ghana besitzt eine Vielzahl unterschiedlicher Bodenschätze, deren Reserven bisher wenig oder noch gar nicht aus dem Boden geholt werden. Manche Experten nennen Ghana deswegen ein „geologisches Wunder“: Blei, Zinn, Kupfer, Tantalit, Kolumbit, Quecksilber, Öl, Erdgas und Eisenerz liegen noch verborgen und warten auf kostspielige Investitionen.

Sklavenhandel an der Küste Westafrikas

Sklavenburg Elmina.

Die ehemalige Sklavenburg Elmina an der Küste Ghanas

Die Geschichte Ghanas reicht sehr weit zurück. Vor 40.000 Jahren gab es dort die ersten Siedlungen. Im Mittelalter wird von dem großen Königreich Alt-Ghana berichtet, wo die heutigen Republiken Mauretanien, Senegal und Mali liegen. Es gehörte damals zu den einflussreichsten Mächten in Westafrika. Die ersten Europäer kamen im 15. Jahrhundert nach Ghana. Sie müssen ziemlich überrascht gewesen sein. Denn statt auf Wilde, Kannibalen und Monster, die laut grausiger Märchen südlich der Sahara wohnten, trafen sie auf das Volk der Ashanti, die keineswegs Anstalten machten, sie zu verspeisen. Sie betrieben Handel und waren berühmt für ihr Gold, ihre Handwerkskunst und vor allem ihre Kriegskunst. Die britische Kolonialmacht brauchte später siebzig Jahre und sieben Kriege, um das stolze Volk im Hinterland der Goldküste zu besiegen.

Die Portugiesen konzentrierten sich zunächst auf den friedlichen Handel mit Gold, Pfeffer und Elfenbein. Aber mit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 entstand für sie im neuen Land ein großer Bedarf an billigen Arbeitskräften für die Tabak-, Baumwoll- und Zuckerindustrie. Ab 1505 begannen die Sklaventransporte. Ghana war mehr als drei Jahrhunderte lang der größte Sklavenumschlagplatz Afrikas. Portugiesische Kaufleute ließen Menschen entführen, auf Schiffe verfrachten und nach Nordamerika verkaufen. Bald beteiligten sich immer mehr andere Europäer am Handel mit Sklaven und Gütern.

Bis heute erinnern die Sklavenburgen entlang der Westküste Afrikas an dieses dunkle Kapitel der ghanaischen Geschichte. Hier wurden die gefangen genommenen Ghanaer unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesperrt, bis sie als Sklaven nach Amerika verschifft wurden. Viele Burgen sind bis heute gut erhalten, einige wurden zu politischen oder kulturellen Einrichtungen umfunktioniert. So ist die Christiansborg der Sitz der heutigen Regierung Ghanas in der Hauptstadt Accra.

Weg in die Unabhängigkeit

Kwame Nkrumah.

Staatspräsident Kwame Nkrumah 1960

1820 erklärten die Briten Ghana unter dem Namen „Goldküste“ zu ihrer Kolonie. Trotz einheimischer Widerstände waren die Ghanaer zunächst machtlos gegen die überlegene Besatzungsmacht. Die Geschichte des unabhängigen Ghanas begann mit dem Politiker Kwame Nkrumah. Er setzte sich an die Spitze der Widerstandsbewegung, organisierte Streiks und Boykotte und war somit maßgeblich daran beteiligt, dass sich Ghana am 6. März 1957 als erstes schwarzafrikanisches Land von der Kolonialherrschaft befreite. Nkrumah wurde zum ersten Staatspräsidenten Ghanas gewählt, aber er war umstritten.

Als Premier Ghanas unterstützte er viele Befreiungsbewegungen auf dem Kontinent, ging auf Konfrontationskurs mit den Westmächten und suchte die Nähe zu Moskau. Er nahm immer stärker die Züge eines Diktators an und führte das Land mit seiner sozialistischen Politik in den Ruin. Fallende Kakaopreise und schlecht finanzierte große Entwicklungsprojekte führten zu chaotischen wirtschaftlichen Bedingungen. 1966 wurde Nkrumahs Herrschaft durch einen Putsch beendet. Anschließend gab es einen Wechsel zwischen Militärherrschaften und demokratisch gewählten Regierungen.

Das schwarze Gold bestimmt die Zukunft

Ein Fischer wirft bei Sonnenaufgang seine Netze ins Meer.

Vor der Küste Ghanas wurde 2007 Öl entdeckt

Ghana gilt als eine der wenigen funktionierenden Demokratien in Afrika und ist damit Vorbild für den ganzen Kontinent. Politisch gilt das Land als stabil, auch die Wirtschaft ist relativ breit aufgestellt. Trotzdem gehört Ghana zu den ärmsten Ländern der Welt. Es hat wie jedes Entwicklungsland mit Schulden, wenig Kapital, fallenden Weltmarktpreisen und einer hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

Seit 2007 haben die Ghanaer aber eine neue Perspektive. Vor der Küste wurden Ölfelder entdeckt. Ein Gesetz soll garantieren, dass einheimische Unternehmen ausreichend beteiligt werden. Doch den Großteil der Lizenzrechte haben sich bisher schon ausländische Firmen gesichert. Die Zukunft des Landes wird wohl vom Öl abhängen oder vielmehr von denjenigen, die davon profitieren.

http://www.planet-wissen.de/kultur/afrika/ghana/pwwbghana100.html