Cashew-Hoffnungsschimmer in der Region Brong-Ahafo: Mehr als 1,5 Millionen Kleinbauern in Afrika 850000 Tonnen Cashewnüsse und damit 45 Prozent der Welternte produzieren, aber nur fünf Prozent ihrer Produktion auch in Afrika weiterverarbeitet werden. John Dare musste seine rohen Nüsse früher an die Zwischenhändler verkaufen, ob nun zu einem fairen Preis oder nicht. Jetzt verkauft er an seine Wenchi-Genossenschaft, der mittlerweile 1800 Bauern angehören, und seit diesem Jahr hat er dabei auch noch einen viel besseren Überblick. Möglich macht das der Software-Konzern SAP mit Hauptsitz im badischen Walldorf, der am Cashew-Projekt beteiligt ist und in aller Welt über solches „social business“ neue Kunden gewinnen will. Früher waren die Baumschulen in Staatshand, jetzt ist die Devise „dezentralisierte Produktion in Bauernhand“, so Peter Keller. Im kommenden Monat will der Inder Venkatesan Rajkumar bei Techiman seine erste Cashewverarbeitungsfabrik in Ghana in Betrieb nehmen. Dann wären es insgesamt fünf Anlagen im ganzen Land.

Cashewbauern: Mit Smartphones harte Nüsse knacken

Die Welt will mehr Cashewnüsse. Dass auch Afrikas Bauern mehr davon haben – dafür arbeiten Entwicklungsfachleute aus Deutschland.

07.10.2011, von AXEL WERMELSKIRCHEN

© AXEL WERMELSKIRCHEN

Die Cashewnachfrage auf dem Weltmarkt ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um das Sechsfache gewachsen und steigt jährlich weiter

John Dare rückt sich einen Stuhl in den Nussbaumschatten, scheucht die Truthähne zur Seite und bittet vor dem Gespräch mit den Gästen um den Segen Jesu. Dare ist nicht nur Cashewbauer, er ist auch Prediger und zählt zu den 30Prozent Christen unter den 25 Millionen Einwohnern Ghanas. Deshalb hat er nur eine Ehefrau, nicht bis zu vier, wie es im muslimischen Norden des Landes üblich ist (die übrigen 40 Prozent der Ghanaer gehören Naturreligionen an). Dare, dem man seine 70 Jahre nicht ansieht, bewirtschaftet an seinem Vierhäuserdorf in der Nähe der Stadt Wenchi eine Vierhektarplantage. Die Cashewbäume stehen ordentlich im Zehnmeterabstand. Der Boden darunter ist unkrautfrei, die Äste sind geschnitten. Dares Kinder – der jüngste Sohn ist fünf – sind an diesem Morgen noch in der Schule, nachmittags werden sie ihm wie üblich bei der Farmarbeit helfen. Für die 2011er Ernte von März bis Juni zeigt der Bauer ein Zertifikat der „Wenchi Cashew Farmers and Marketing Union“ vor: 2647Kilogramm Cashewnüsse in der Schale hat er an die Genossenschaft verkauft. Die Gesamternte von 4000 Kilogramm hat ihm 6000 Cedi eingebracht, umgerechnet 3000 Euro. Das ist gut zehnmal mehr als der durchschnittliche afrikanische Cashewbauer mit seiner Hände Arbeit erzielen kann.

Axel WermelskirchenFolgen:

Damit muss Dares Familie ein Jahr auskommen – und ist damit gut dran in dem aufstrebenden westafrikanischen Land mit seinen vielen Völkern, in dem vier von zehn Einwohnern jünger als 15Jahre alt sind. Seit Januar 2009 regiert Präsident John Evans Atta Mills. Der Korruptionsindex ist hoch, das noch agrarisch geprägte Ghana exportiert hauptsächlich Gold, Erdöl, Diamanten, Bauxit und Mangan, Kakao, Zuckerrohr, Kaffee – und brillante Fußballspieler. Die Inflation ist von 26 auf knapp neun Prozent gesunken, aber auch das reizt die Ghanaer noch nicht unbedingt zum Sparen.

Bessere Arbeit, besseres Leben

Der Bauer Dare weiß wohl kaum, dass die Cashewnachfrage auf dem Weltmarkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten um das Sechsfache gewachsen ist und weiter um bis zu acht Prozent jährlich steigt, vor allem aus Indien und China. Vielleicht weiß er auch nicht, dass weit mehr als 1,5 Millionen Kleinbauern in Afrika 850000 Tonnen Cashewnüsse und damit 45 Prozent der Welternte produzieren, aber nur fünf Prozent ihrer Produktion auch in Afrika weiterverarbeitet werden, während der Großteil nach Indien und Vietnam verschifft wird.

Was er aber weiß, ist, dass seine Arbeit und sein Leben besser geworden sind, seit er Teil eines Entwicklungsprojekts ist, bei dem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag der Bundesregierung und der „Bill & Melinda Gates“-Stiftung die Feder führt. Afrikanische Cashew-Initiative (ACI) heißt das Projekt, das im Jahr 2009 begann und 2013 vollendet sein soll. Das Ziel ist, die Wettbewerbsfähigkeit der Cashewproduktion in Ghana, Burkina Faso, Benin, Moçambique und der Elfenbeinküste auf allen Stufen der Wertschöpfungskette zu verbessern und die Armut in diesen Ländern nachhaltig zu verringern. Projektleiter ist Peter Keller, Agrarökonom, Vater zweier Söhne in den Mittzwanzigern und seit mehr als 30 Jahren für die GIZ in Asien und Afrika im Einsatz.

Effektiver und transparenter Handel

John Dare musste seine rohen Nüsse früher an die Zwischenhändler verkaufen, ob nun zu einem fairen Preis oder nicht. Jetzt verkauft er an seine Wenchi-Genossenschaft, der mittlerweile 1800 Bauern angehören, und seit diesem Jahr hat er dabei auch noch einen viel besseren Überblick. Möglich macht das der Software-Konzern SAP mit Hauptsitz im badischen Walldorf, der am Cashew-Projekt beteiligt ist und in aller Welt über solches „social business“ neue Kunden gewinnen will. Carsten Friedland, 1975 geboren und in Südafrika aufgewachsen, arbeitet in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Konzerns. Der Cashew-Genossenschaft in Wenchi hat er mit seinen Leuten in kürzester Frist ein Computerprogramm an die Hand gegeben, das Produktion und Handel effektiver und transparenter macht. Auch John Dares Nusssäcke tragen jetzt eine Papierplakette mit Strichcode darauf. Wenn er sie in der Erntezeit zu einer der zehn lange Wegstunden auseinanderliegenden Sammelstellen bringt, muss der Mann von der Genossenschaft nur noch das SAP-Smartphone darüber halten – schon ist in der Zentrale Dares Name gespeichert, das Gewicht seiner Säcke, das Lieferdatum, die Sammelstelle. Ist das Internet nicht zu erreichen, können immerhin noch SMS geschickt werden.

Auf den Smartphones ist auch der aktuelle Weltmarktpreis für Cashewnüsse abzulesen. Kein „Middleman“ (Zwischenhändler) könnte Dare noch übers Ohr hauen. Der Genossenschaftssekretär Yahya Abu Baro sagt dazu, die Unregelmäßigkeiten hätten früher doch schon mit dem Wiegen begonnen. Dare kann sich auch überlegen, ob er mit dem Verkauf seiner Nüsse nicht wartet, bis der Preis besser wird. Zudem weiß er, wie viel die 60 anderen Cashewbauern seiner Gegend an die Genossenschaft verkauft haben. Der Wettbewerb wird den einen oder anderen Bauern dazu veranlassen, die Genossenschaftsfachleute um Rat zu fragen, damit er künftig mehr und bessere Nüsse liefern kann. Und die Genossenschaft wiederum weiß – anders als zu Zeiten schlampig geführter Papierlisten – von jeder einzelnen Nuss, wo sie herkommt, und kann damit den steigenden Qualitätsansprüchen der Verarbeitungsbetriebe und Großhändler begegnen. Schlechte Nüsse kaufe die Wenchi Union nicht, sagt der Genossenschafter Peter Amponsa. Die würde sie auch gar nicht los bei den rund zwei Dutzend Großhändlern, unter ihnen Olam, der weltführende Verarbeiter von Agrarerzeugnissen mit Sitz in Singapur, der das Projekt ebenso unterstützt wie etwa die Unternehmen Kraft Food und Ahold.

„Dezentralisierte Produktion in Bauernhand“

Peter Keller gibt auch für die Wenchi-Genossenschaft als eines der Projektziele aus, den Ertrag pro Baum und Jahr auf 20Kilogramm zu steigern. Noch sind es nur drei bis fünf Kilogramm, obwohl ein Cashewbaum – nach sechs bis sieben Jahren trägt er voll, mit zehn ist er ausgewachsen – auch 70 Kilogramm im Jahr bringen könnte. Von solchen Bäumen träumt wohl auch der 59 Jahre alte Asuamah Yeboah, der wie andere von der ACI trainierte Bauern unter den Palmblattdächern seiner offenen Gewächshäuser Cashewsetzlinge zieht und geradezu zärtlich mit Edelreisern pfropft. Früher waren die Baumschulen in Staatshand, jetzt ist die Devise „dezentralisierte Produktion in Bauernhand“, so Peter Keller.

Im kommenden Monat will der Inder Venkatesan Rajkumar bei Techiman seine erste Cashewverarbeitungsfabrik in Ghana in Betrieb nehmen. Dann wären es insgesamt fünf Anlagen im ganzen Land. Rajkumar Impex ist nach Olam der zweitgrößte Cashewverarbeiter der Welt, bis 2014 will der Inder 18 Prozent der Welternte verarbeiten. Bislang hat er jedes Jahr 23000 Tonnen in gut 1600 Schiffscontainern von Ghana nach Indien gebracht. Die Fahrt dauert 40Stunden, und die Schalen der Nüsse machen vier Fünftel der Fracht aus. Mit der neuen Anlage in Ghana soll das ein Ende haben.

„Mim Cashew“ bietet Hunderte Arbeitsplätze

Mit dem Entwicklungsprojekt ACI verbunden ist ein anderer Nussverarbeiter, das mittelständische Unternehmen „Mim Cashew“ bei der Stadt Mim in der Region Brong-Ahafo (22000 Einwohner). Zum Unternehmen gehört eine große Cashewplantage. Der Däne Lars Wallevik ist der Besitzer, er hat das Farmland eines Iren gekauft und 2008 in umgebauten großen Hühnerställen mit der Nussverarbeitung begonnen. Es sollte nicht nur ums Geschäft gehen, es sollte etwas für Ghana getan werden, im Sinne von Walleviks Vater Paul, der bis Mitte der siebziger Jahre von hier Möbelholz exportierte, das Land und die Leute liebte, aber gehen musste, als wieder einmal eine politische Krise hereinbrach.

„Mim Cashew“ bietet Hunderte Arbeitsplätze, zahlt ordentlich und trainiert die Mitarbeiter. Viele wohnen in kleinen Reihenhäusern am Firmengelände. Auf dem Gelände wohnt Hermann Bani, ein Schweizer, der sich in den Siebzigern in Afrika verliebte. Er managt die Firma zusammen mit Joseph Yeung. Bis zu 2000 Tonnen Cashewnüsse können hier verarbeitet werden. Nach dem Trocknen und Dämpfen knacken die Fabrikarbeiter die Nüsse an langen Werkbänken auf und entfernen die Schalen. Die Kerne werden dann noch dreimal maschinell und von Hand geschält, nach Größe und Qualität sortiert und schließlich verpackt.

Die Fabrikarbeiter bei „Mim Cashew“ bleiben nicht selten einfach ein paar Tage weg, wenn der Lohn gezahlt ist; an diese Form der Arbeit haben sich viele von ihnen noch nicht gewöhnt. Aber dass hier Ghanaer die Nüsse Ghanas im eigenen Land verarbeiten, schon das ist ein Cashew-Hoffnungsschimmer.

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Nkrumas entwicklungspolitische Ziele

Industrialisierung mit dem Geld der Kleinbauern

Kwame Nkrumah führte Ghana 1957 in die Unabhängigkeit und prägte als Premierminister und später als Staatspräsident viele Jahre die Politik seines Landes. Sein Denken und seine entwicklungsstrategischen Überlegungen haben eine ganze Generation von Intellektuellen in Afrika beeinflusst. Sie dürfen jedoch nicht losgelöst von seinem politischen Handeln betrachtet werden.
30. Juli 2009

Nkrumah wird 1909 in Nkroful im äußersten Westen der damaligen britischen Kolonie Goldküste geboren. Er gehört der Volksgruppe der Nzima an, eine kleine Minderheit unter den vielen Völkern des Landes. Nkrumah besucht die koloniale Eliteschule in Achimota bei Accra und lernt dort westliche Wissenschaft und Philosophie kennen. In Achimota, so schreibt er später in seiner Autobiographie, sei erstmals ein Gefühl des Nationalismus in ihm erwacht. 1935 geht er mit Unterstützung eines reichen Verwandten in die USA. Dort absolviert er Studien in Volkswirtschaftslehre, Theologie, Pädagogik und Philosophie. und kommt er mit panafrikanischem, marxistischem und trotzkistischem Gedankengut in Berührung.

1945 geht Nkrumah nach London – ursprünglich, um an der dortigen School of Economics zu studieren. In den Zirkeln afrikanischer Studenten und Akademiker lernt er jedoch den Panafrikanisten George Padmore kennen und wird zum Organisationssekretär des 5. Panafrikanischen Kongresses in Manchester. Zwei Jahre später wird er zum Generalsekretär der neu gegründeten „United Gold Coast Convention Party“ berufen und kehrt in seine Heimat zurück. Im Anschluss an Unruhen in Accra wird er verhaftet. Nach seiner Freilassung wird er zum landesweit bekannten Volkshelden und gründet die radikalere „Convention People’s Party“, die mit ihrer Forderung nach Autonomie Bauern, Marktfrauen, Kriegsveteranen und Gewerkschafter hinter sich sammelt. Die Partei wird bei den Parlamentswahlen 1951 stärkste politische Kraft, Nkrumah im März 1952 Premierminister der Kronkolonie Goldküste. Am Tag der Unabhängigkeit, dem 6. März 1957, gibt er ihr den Namen des historischen Königreichs Ghana. 1960 vollzieht Nkrumah die Umwandlung des Landes in eine Republik und lässt sich zum Präsidenten wählen. Dies sollte die letzte demokratische Wahl in seiner Ära sein. Von seinen Anhängern lässt er sich als „Osagyefo“ („Erlöser“) feiern.

AUTOR

Einhard Schmidt-Kallert

Einhard Schmidt-Kallert war bis 2014 Leiter des Fachgebiets Raumplanung in Entwicklungsländern der TU Dortmund.

Zugleich macht er aus Ghanas liberal-demokratischem politischen System einen Einparteienstaat. Nkrumah schränkt die Rechte der Bürger und der Gewerkschaften ein, mit Repressionen hält er seine politischen Gegner in Schach. Im Februar 1966 – Nkrumah sitzt im Flugzeug nach Hanoi, um „den Vietnamkrieg zu beenden“, wie er in typischer Selbstüberschätzung formuliert hat – wird seine Präsidentschaft von einem vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützten Militärputsch hinweggefegt. Er verbringt den Rest seines Lebens im Exil in Guinea als Gast des Präsidenten Sékou Touré und stirbt 1972 in Bukarest.

Nkrumah war vor allem Politiker, ein charismatischer Führer in der Phase der Dekolonisation Afrikas. Aber gehört sein Name in die Galerie der Entwicklungsdenker? Er selbst verstand sich auch als Philosoph, vielleicht als einen der ersten Afrikas. In der Tat hat er eine Reihe von Büchern verfasst, mit denen er seinen Namen als Theoretiker begründen wollte. Seine Schriften müssen jedoch in Zusammenhang mit seinem politischen Wirken gesehen werden. Seine „Hauptwerke“ wurden veröffentlicht, als er längst eine zentrale Figur auf der politischen Bühne seines Landes war beziehungsweise bereits im Exil lebte. Sie liefern zum Teil den ideologischen Überbau für die Tagespolitik, zum Teil sind sie als Rechtfertigung für seine politischen Prioritäten und Entscheidungen in bestimmten Situationen zu interpretieren.

Die zentralen Werke Nkrumahs sind seine Autobiographie, der 1965 erstmals erschienene Band „Consciencism“, den er selbst als die Zusammenfassung seiner philosophischen Positionen sah, sowie die Schrift „Africa Must Unite“, in der er 1963 sein Programm für die Einheit des Kontinents formulierte. Seine Autobiographie, die im Jahr der Unabhängigkeit Ghanas veröffentlicht wurde, ist ein Akt der Selbstinszenierung und der Neuinterpretation der Umwelteinflüsse, die ihn geprägt haben. In seinen Schilderungen der Verhältnisse in seinem Heimatdorf spricht er nur selten von den Traditionen der Nzima (wie es ethnographisch korrekt wäre), häufiger von den Akan-Völkern und am liebsten gleich von „afrikanischen Traditionen“. Indem er die Bedeutung der Stammeszugehörigkeit herunterspielt, deutet er sein künftiges politisches Programm an. Polemisch geht er mit den von den Briten seit den 1920er Jahren besonders protegierten traditionellen afrikanischen Führern, den Chiefs, und seinen politischen Gegnern in Aschanti, aber auch allen modernisierungsfeindlichen Kräften im Lande ins Gericht. Er stellt sich auf den Boden der parlamentarischen Demokratie nach britischem Muster, schreibt von einer sozialistischen Zukunft für Ghana, wirbt aber zugleich um Investitionen aus dem westlichen Ausland.

David Apter hat in seiner Studie “Ghana in Transition“ den Weg des afrikanischen Landes von einer von Stämmen geprägten Kolonie zu einem modernen, demokratischen Staat nachzuzeichnen versucht. Dafür mussten ihm zufolge vier verschiedene Traditionen gebündelt werden: der Panafrikanismus; die afrikanische Tradition, symbolisiert in Riten und Chiefs als Personen und Machtfaktoren; und sozialistische sowie liberal-demokratische Traditionen. Genau auf diese Weise ging Nkrumah vor. Er nahm den Chiefs in der maßgeblich von ihm mitgestalteten Verfassung von 1954 ihre politische Rolle, knüpfte aber an ihre Traditionen an, indem er sich selbst mit der Aura eines neuen obersten Herrschers umgab.

Mit seiner Schrift „Consciencism“ wollte Nkrumah seinen Ruhm als Philosoph und Theoretiker begründen – just zu dem Zeitpunkt, als die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen seiner Regierung das Land in die größte ökonomische und politische Krise seit der Unabhängigkeit geführt hatten. Neben einer breiten Rezeption griechischer, deutscher und französischer Philosophie entwickelt er eine Linie von der traditionellen, kommunalistisch geprägten afrikanischen Gesellschaft über Kolonialismus und Neokolonialismus bis zu einer künftigen sozialistischen Gesellschaft.

Laut Nkrumah beruhte die traditionelle afrikanische Gesellschaft auf völliger Gleichheit, Klassengegensätze und Klassenkämpfe habe es nicht gegeben. Erst in der Berührung Afrikas mit den Kolonialmächten sei es zur Entstehung von Klassen gekommen. Seine Zukunftsvision ist eine sozialistische Gesellschaft auf nationaler Ebene, ja für den ganzen Kontinent. Doch zunächst müssten Kolonialismus und Neokolonialismus bekämpft werden. Allerdings werde die neue Gesellschaft „vom Kolonialismus die Elemente übernehmen, die den Interessen der Bevölkerung entsprechend angepasst werden können, wie industrielle Produktion und Wirtschaftsorganisation“.

Rainer Tetzlaff hat schon vor Jahren kritisiert, der „Nkrumahismus“ und insbesondere die Schrift „Consciencism“ seien ohne funktionalen Wert für Ghanas Entwicklung gewesen. Natürlich muss sich Nkrumah daran messen lassen, wie weit seine Philosophie Leitbild für die reale Entwicklung des Landes geworden ist. Schließlich war er Präsident und kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Doch die ideologischen Eckpunkte, die Nkrumah in seinen theoretischen Schriften formuliert hat, standen durchaus in Beziehung zu seiner konkreten Politik, gerade auch zu seinen Fehleinschätzungen. Sein ideologisches Konstrukt einer einheitlichen, nahezu konfliktfreien vorkolonialen Kultur in Afrika, das Ignorieren der ethnischen Identitäten und Gegensätze, aber auch sein Glaube an technisch- naturwissenschaftlichen Fortschritt westlicher Prägung und an die Bedeutung von Bildung haben seine Wirtschaftspolitik bestimmt. Schon in der Zeit der inneren Selbstverwaltung hatte Nkrumah auf die Gründung von Universitäten und auf Industrialisierung gesetzt. Nach der Unabhängigkeit gewann die strategische Entwicklungsplanung für seine Regierung noch größere Bedeutung.

Um den Zweiten Fünf-Jahres-Entwicklungsplan auszuarbeiten, holte Nkrumah den renommierten Entwicklungsökonomen und späteren Nobelpreisträger Arthur Lewis ins Land. Leitgedanken des Planes waren Industrialisierung und Modernisierung der Gesellschaft. Die ländliche Entwicklung wurde sträflich vernachlässigt, obwohl die Kakaobauern mit ihren Exporterlösen die Hauptfinanzierungsquelle des gesamten Planes waren. Die Förderung der Landwirtschaft war für Nkrumahs Planer nur in Form von Großfarmen vorstellbar, der kleinbäuerliche Sektor blieb unbeachtet. Wie erst nach Lewis Tod bekannt wurde, warnte er Nkrumah vor den wirtschaftlichen Gefahren der industriellen Großprojekte. Darin, dass man Ghanas Entwicklung über die Abschöpfung der Weltmarkterlöse der Kakaobauern finanzieren müsse, stimmte Lewis aber mit Nkrumah überein.

Das größte Prestigeprojekt war der Bau des Volta-Stausees zur Erzeugung von Wasserkraft. Der Plan stammte noch aus der Kolonialzeit. Das historische Paradox ist, dass Nkrumah als glühender Nationalist und Antiimperialist dieses Projekt übernahm und beschleunigt umsetzte – zu extrem ungünstigen Konditionen. Ghana musste hohe Kredite aufnehmen, die Staatsverschuldung wuchs ebenso wie die Abgabenlast für die Kakaobauern – alles Ursachen für Nkrumahs späteren Sturz. 78.000 Menschen wurden innerhalb kürzester Zeit ohne Rücksicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit umgesiedelt; ein Ausfluss von Nkrumahs Vorstellung, dass das neue Ghana ethnische Identitäten ignorieren könne. Im Januar 1966 schaltete Nkrumah offiziell den ersten Generator des Kraftwerks an. Wenige Wochen später wurde er gestürzt. Für Ghana folgte eine Periode beispiellosen wirtschaftlichen Niedergangs.

Bleibt die dritte wegweisende Schrift „Africa Must Unite“. Die politische Einheit Afrikas war für ihn stets ein vorrangiges Ziel. Kurz nach der Unabhängigkeit richtete er in Accra die „All-African Peoples Conference“ aus. 1961 schloss sich Ghana mit Guinea und Mali zu der – allerdings kurzlebigen – Konföderation „Union of African States“ zusammen. Ghana war auch an den Vorbereitungen zur Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) in Addis Abeba 1963 beteiligt. „Africa Must Unite“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schaffung einer staatlichen Einheit für ganz Afrika in der Form einer Föderation mit relativ konkreten verfassungsrechtlichen Überlegungen. „Für uns ist Afrika mitsamt seinen Inseln ein einziges Afrika. Wir verwerfen jeden Gedanken an irgendeine Art der Teilung des Kontinents.“ Das klang dann schon wie ein Vermächtnis, auch wenn der Autor noch im Amt war, als das Buch veröffentlicht wurde.

Über viele Jahre war Nkrumah außerhalb seiner Heimat, bei Intellektuellen in anderen afrikanischen Ländern, populärer als in Ghana. Im vergangenen Jahrzehnt ist er auch dort wieder entdeckt worden. Sicher: Seine Wirtschaftspolitik endete im Desaster, und seine theoretischen Schriften sind eine eklektische Mischung aus europäischer Philosophie und vereinfachender Interpretation der afrikanischen Realität. Außerdem waren ihm sein Personenkult und seine Überheblichkeit im Weg. Aber Nkrumah ist es gelungen, Menschen unterschiedlicher Herkunft, ohne Ansehen der ethnischen Zugehörigkeit, für seine Politik zu mobilisieren. Er hat damit zur Entwicklung einer nationalen Identität in Ghana beigetragen. Und er hat Menschen auf dem ganzen Kontinent für den Panafrikanismus begeistern können. Wenn daraus in Zukunft multiple Identitäten wachsen können, also ein Nationalstolz, ohne ethnische Identitäten zu leugnen, dann hätte er eine wichtige Rolle in der postkolonialen Transformation gespielt.

https://www.welt-sichten.org/artikel/3618/industrialisierung-mit-dem-geld-der-kleinbauern

Es wird Freihandel gefordert, bevor sich stabile Wirtschaftsgefüge in afrikanischen Staaten tatsächlich etablieren können. Verdrängt Europa Afrikas Unternehmen und Bauern von ihren Märkten? Ghanaer wenden sich an die Europäer zur Verhinderung von EPAS, der Europäischen Partnerschaftsabkommen

Bei diesem Video handelt es sich um die Kurzversion (12min) zu der Veranstaltung im Rahmen der EPAs Tour in Aachen. Das vollständige Video (123min) ist auf derUnterseite „Aachen“ zu sehen.

Derzeit finden nicht nur Auseinandersetzungen über Freihandelsabkommen wie TTIP,CEhttps://www.youtube.com/watch?v=X3GQd470GKMTA oder TiSA statt, sondern völlig abseits der Öffentlichkeit und weitestgehend unbemerkt auch um die Wirtschafts-Partnerschafts-Abkommen EPAs (Economic Partnership Agreements) zwischen der EU und afrikanischen Staaten. Das öffentliche Interesse an TTIP, die Großdemonstration am 10. Oktober in Berlin sowie sich zuspitzende Entwicklungen rund um die EPAs haben wir zum Anlass genommen, eineSpeakers-Tour zum Thema EPAs zu veranstalten.

Sprecherinnen und Sprecher aus Ghana wie aus Kamerun berichten von ihren Erfahrungen mit der Handelspolitik der EU, von den drohenden Problemen und von ihren Vorschlägen für eine andere Handelspolitik. Sie schlagen natürlich auch den Bogen zu TTIP, CETA und TiSA und mobilisieren damit gleichzeitig für die Demo am 10.10. Die Veranstaltungen ermöglichen einen Austausch mit der deutschen Zivilgesellschaft und der breiteren Öffentlichkeit.

  • Sylvester Bagooro, African Trade Network, Third World Network-Africa, Ghana
  • Gyekye Tanoh, African Trade Network, Third World Network-Africa, Ghana
  • Kwabena Nyarko Otoo, Policy & Research Institute of Trades Union Congress (TUC), Ghana
  • Yvonne Takang, African Trade Network, ACDIC (Association Citoyenne de Défense des Intérêts Collectifs), Kamerun
Die Handelspolitik der EU schädigt Afrikas Wirtschaft

Seit 2004 drängt die EU afrikanische Staaten zum Abschluss dieser Freihandelsabkommen. Doch sie werden die Entwicklung der Länder stark behindern. Der Widerstand gegen die EPAs wächst.

In diesem Herbst werden sich die Auseinandersetzungen um die Ratifizierung des EPA mit der Wirtschaftsgemeinschaft der Westafrikanischen Staaten (ECOWAS), zu der Ghana gehört, zuspitzen. Zivilgesellschaftliche Organisationen und Kirchen schlagen Alarm gegen die Ratifizierung. Sie kritisieren: der Kompromiss vernachlässigt Schutz- und Entwicklungsbedürfnisse verwundbarer Volkswirtschaften. Sie fordern: Nachbesserung des Abkommens, oder die konsequente Nicht-Ratifizierung durch die jeweiligen Parlamente!

Kehrtwende der EU-Politik

Seit vielen Jahren werden zahlreichen afrikanischen Staaten zollfreie Marktzugänge in die EU, wie auch die Erhebung von Schutzzöllen oder Importquoten für die eigene Wirtschaft gewährt, damit sie eine lebensfähige und stabile Ökonomie aufbauen können. Mit letzterem soll nun endgültig Schluss sein! Es wird Freihandel gefordert, bevor sich stabile Wirtschaftsgefüge in afrikanischen Staaten tatsächlich etablieren können.

 „Nur mit der Pistole auf der Brust“, so heißt es beispielsweise in Kenia, wenn man fragt, warum die EPAs nach langem Widerstand letztlich doch unterschrieben wurden.

Erpressung afrikanischer Staaten

Die afrikanischen Staaten wissen um die Folgen und haben sich lange gegen die EPAs gewehrt, bis man sie erpresste, indem man mit dem Entzug der Zollfreiheit drohte, falls sie nicht unterzeichnen. Strafzölle wurden erhoben und haben bereits sichtbaren Schaden angerichtet, Bauern, Händler und Futtermittelhersteller gingen pleite – schließlich hat sich auch Kenia gebeugt, genauso wie die westafrikanischen Staaten.
In Folge der EPAs werden unseren Waren die fragilen afrikanischen Märkte überschwemmen, Bestehendes zerstören und neue Unternehmungen im Keim ersticken. Die Verluste aus den Zolleinnahmen werden die Löcher in den Staatshaushalten drastisch anwachsen lassen.

Globale Handelsagenda

Aber nicht nur die EPAs, auch TTIP wird Auswirkungen auf die Bevölkerungen in Afrika haben. Wenn die EU und die USA ihr Handelsvolumen ausbauen wollen, bedeutet dies im Umkehrschluss weniger Importe in beide Regionen aus anderen Kontinenten. Zudem bedeutet eine stärkere Allianz zwischen EU und USA automatisch auch Machtkontrolle und die Möglichkeit, anderen Staaten später ihre untereinander gemachten Handelsregeln aufzuzwingen.

Alle diese sogenannten Freihandelsverträge dienen letztlich dazu, die Märkte maximal zu deregulieren und zu privatisieren und die Macht des Marktes endgültig über die Gestaltungsmöglichkeiten politischen Handelns zu stellen.

Flucht – aktueller denn je

Flucht und Migration sind täglich in den Schlagzeilen, aber selten wird nach tiefer liegenden Ursachen für Flucht gefragt. Warum sehen Menschen, abgesehen von Kriegen, in ihren eigenen Ländern keine Zukunft für sich und was trägt die Wirtschafts- und Handelspolitik der EU dazu bei? Dienen doch die von der EU verhandelten Partnerschaftsabkommen viel mehr dem EU-Interesse an freiem Zugang zu afrikanischen Rohstoffen und Zugang europäischer Konzerne zu afrikanischen Märkten als den Interessen der Menschen in den afrikanischen Ländern. Das eigene Gewissen versucht die EU hingegen mit einer „Almosenpolitik“ (Entwicklungshilfe) zu beruhigen.

Freihandelsabkommen nach dem Muster der EPAs bewirken die weitere Verarmung Afrikas. Sie werden damit auch die Zahl der Flüchtlinge in die EU vergrößern.

Stoppt die EPAs – stoppt diesen Freihandel – stoppt Aussichtslosigkeit in Afrika

Erpressung, Diktat der Konzerne, Missachtung der Menschen – dies werden wir nicht akzeptieren. Wir treten ein gegen eine Ratifizierung der EPAs auf EU-Ebene bzw. deutscher Ebene.

Ratifizierung des Wirtschaftspartnerschaftsabkommens (EU-Westafrika) ohne Bundestag?

Da im Anschluss an eine Ratifizierung im Europäische Parlament üblicherweise auch alle nationalen Parlamente in Europa ein solches Abkommen ratifzieren müssen, käme dieses zur Abstimmung eben auch in den Bundestag. Die Bundesregierung hat allerdings den Versuch gestartet, die Ratifizierung dieses Abkommens an sich zu ziehen und das Parlament außen vor zu lassen. Auf Anfrage der Oppositionsparteien wird sich der Bundestag am 14. Oktober 2015 mit diesem Thema befassen.

Attac fordert gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftliche Organisationen in einemOffenen Brief an den Bundestagspräsidenten, das Wirtschafts-Partnerschafts-Abkommen mit Westafrika im Bundestag abzustimmen.

Stop-EPA-Tour 2015

Tour-Daten

Träger-Organisationen

Die EPAs-Tour wird getragen von: Attac, Brot für die Welt und dem Forum Umwelt und Entwicklung.

  • FÜNFTE VERANSTALTUNG DER STOP-EPA-TOUR: AACHEN

    Die fünfte Veranstaltung der „Stop-EPA-Tour“ fand in Aachen statt. Am Sonntag, den 27. September fanden sich um 20.00 die Speaker Sylvester Bagooro, Dr. Boniface und Moderator Werner Rätz gemeinsam mit 140 Teilnehmer_innen in der City-Kirche St. Nikolaus ein. Veranstaltet wurde die Podiumsdiskussion von Attac Aachen in Kooperation mit dem Eine Welt Forum Aachen und MISEREOR.

    Nachdem bei der unmittelbar vorhergehenden Messe Dr. Boniface Mabanza von der kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika schon kurz über die Problematik gesprochen hatte, erläuterte Werner Rätz, Mitglied im bundesweiten Koordinierungskreis von Attac Deutschland, die bisherige Entwicklung. Die ursprünglichen Verträge der Europäischen Union mit den A(frika)K(aribik)P(azifik)-Staaten, bei denen es sich in der Regel um frühere Kolonien handelt, waren asymmetrisch und trugen dem unterschiedlichen „Entwicklungsstand“ Rechnung: nur den AKP-Staaten wurden Präferenzen beim Handel eingeräumt. Doch mit den seit 1995 geltenden Regeln der „World Trade Organization“ (WTO), die die reichen Länder durchgesetzt hatten, war dieses Vorgehen nicht kompatibel. Seither versucht die EU, den AKP-Ländern Abkommen aufzuzwingen, in denen Schutzzölle verboten sind und den europäischen Konzernen freier Marktzugang garantiert wird – mit der Folge, dass die heimischen Produkte vom Markt verdrängt werden und Arbeitsplätze verloren gehen. Viele Menschen sehen als einzige Perspektive nur noch die Flucht nach Europa.

    Die Speaker machten in der Folge aufmerksam auf die unterschiedlichen Machtverhältnisse schon beim Verhandeln: die EU verfügt über einen Riesenapparat mit allen Ressourcen und hat den afrikanischen Ländern schon angeboten, Experten „auszuleihen“, so dass die EU dann sozusagen mit sich selbst verhandeln würde.
    Sylvester  Bangooro vom African Trade Network  und dem Third World Network Africa, einem panafrikanisches Forschungsinstitut in Accra, wies unter Anderem auf die Spannungen zwischen export- und binnenmarktorientierten Sektoren in den Ländern des Südens hin. Erstere gehören oft der dortigen Oberschicht und haben die bessere Lobby, die dann solche Verträge wünscht. Als problematisch wurde der  Einnahmeverlust der Staaten wegen wegfallender Zölle trotz Kompensationszahlungen der EU gesehen, während die Entlastung bei den Zöllen den Firmen zugute kommt.
    Gleichzeitig wird die Demokratie unterminiert. Das gilt sowohl in Afrika, wo die Europäische Union darauf drängt, dass innerhalb einzelner Blöcke wie West oder Ostafrika die Mehrheit der Stimmen zur Ratifizierung genügt und „unwillige“Länder wie Nigeria dann überstimmt werden können, als auch in Europa, wo die deutsche Regierung die Auffassung vertritt, die EPAs seien keine „politischen“ sondern „technische“Verträge und müssten also nicht vom Bundestag ratifiziert werden. Auch die „Ewigkeitsklausel“ ist undemokratisch, ebenso wie bei dem transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP.
    In den afrikanischen Ländern ist der Widerstand stark. Zwölf Jahre lang sind deswegen keine EPAs unterzeichnet worden. Jetzt hat die EU durch die Drohung, Zölle auf afrikanische Produkte einzuführen, verschiedene Unterzeichnungen erreicht. In Europa dagegen ist das Thema erst jetzt im Zusammenhang mit den TTIP-Protesten etwas bekannter geworden, aber immer noch kaum im öffentlichen Bewusstsein.

    Bei den anschließenden Fragen und Diskussionen schälte sich als Fazit heraus: Der Widerstand gegen EPAs , TTIP, CETA und TISA muss ein gemeinsamer Kampf für die Demokratie und gegen die „marktkonforme Demokratie“ und Konzernherrschaft sein.

  • Wirtschaftspartnerschaftsabkommen

    Teile dieses Artikels scheinen seit 2007 nicht mehr aktuell zu sein.
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    Der Begriff Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA) bzw. Economic Partnership Agreement (EPA) bezeichnet ein von der EU gefördertes Abkommen über Freihandelszonen zwischen der EU und den 78 AKP-Staaten (in der Mehrzahl ehemalige europäische Kolonien in Afrika, der Karibik und im Südpazifik).

    Die vertragliche Grundlage der EPA liegt im Cotonou-Abkommen, welche am 23. Juni 2000 von den Mitgliedstaaten der EU und den Mitgliedstaaten der Gruppe der AKP- Staaten in Cotonou, Benin, unterzeichnet wurde.

    Zentrales Ziel des Abkommens war es, die von der WTO kritisierten nicht-reziproken Handelspräferenzen der Lomé-Abkommen (1975 bis 2000) durch reziproke Handelsabkommen bis zum 1. Januar 2008 zu ersetzen.

    Bis Januar 2008 wurde jedoch nur ein WPA mit dem CARIFORUM und 9 Interim-WPAs mit einzelnen AKP-Staaten bzw. Staatengruppen unterzeichnet.[1]

    Schlüsselelemente[Bearbeiten]

    Gegenseitigkeit[Bearbeiten]

    Ausgehend von der Absicht, die bisherige Unvereinbarkeit der bestehenden Handelsvereinbarungen mit den Regeln der WTO zu beseitigen wird das Hauptgewicht in den Verhandlungen zu den WPAs auf Nichtdiskriminierung und Gegenseitigkeit gelegt. Sie bedeuten die stufenweise Aufhebung aller seit 1975 von der EU eingeräumten Handelsvorteile der AKP-Staaten sowie die kurzfristige Aufhebung aller Handelsbarrieren, die zwischen den Partnerstaaten bestehen. Um einen diskriminierungsfreien Marktzugang zu gewährleisten sollen die WPAs für alle Entwicklungsländer offenstehen, so dass der Status der AKP-Staaten als Hauptentwicklungspartner der EU begrenzt wird.

    Bei den Verhandlungen zu den WPAs steckt die EU in dem Dilemma einerseits den aus der Kolonialvergangenheit herrührenden besonderen Status der AKP-Staaten wahren zu müssen und andererseits die Verpflichtungen aus der Mitgliedschaft in der WTO zu erfüllen. Als Lösung für dieses Problem wird eine Vereinbarung angestrebt, die ein Mindestmaß an Gegenseitigkeit festschreibt, um die WTO-Kriterien zu erfüllen, in der Realität aber den AKP-Staaten soviel Spielraum zu geben, dass sie den Handelsschutz ihrer wichtigsten Produkte beibehalten können.

    Das Ausmaß der Handelsliberalisierung im Rahmen der Wirtschaftspartnerschaftsabkommen wird kontrovers diskutiert. Verschiedene Studien, die die möglichen Auswirkungen offener Märkte in diesem Zusammenhang untersuchten, warnen vor absehbaren negativen Folgen. Eine Delegation des Europa-Ausschusses der Französischen Nationalversammlung veröffentlichte im Juli 2006 einen umfangreichen Bericht, der diese Warnungen erhärtet. Der Bericht nennt vier Schocks, denen die AKP-Staaten ausgesetzt wären, wenn sie ihre Märkte öffneten:

    1. ein Haushaltsschock aufgrund der zu erwartenden Einnahmeverluste wegen der wegfallenden Importzölle;

    2. ein Außenhandelsschock durch sinkende Wechselkurse, wenn die AKP-Staaten nicht konkurrieren können;

    3. ein Schock für die schwachen, im Aufbau befindlichen Industriesektoren in den AKP-Staaten, die der Konkurrenz aus der EU nicht gewachsen sind;

    4. ein landwirtschaftlicher Schock, da lokale Märkte und Produzenten mit den Billigimporten aus der Europäischen Union (hoch subventioniert) nicht konkurrieren können.[2]

    Es ist daher unbestimmt, ob die bestehenden WTO Bestimmungen bezüglich regionaler Handelsvereinbarungen am Ende durch die Doha-Runde zu Gunsten der Wirtschaftspartnerschaftsabkommen revidiert werden.

    Die negativen Folgen, vor denen die Delegation des Europa-Ausschusses der Französischen Nationalversammlung 2006 gewarnt hatte, sind mittlerweile teilweise eingetreten (Stand: Dez. 2015).[3]

    Regionalismus[Bearbeiten]

    Teile dieses Artikels scheinen seit 2007 nicht mehr aktuell zu sein.
    Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen.

    Entsprechend dem Cotonou-Grundsatz der Differenzierung und Regionalisierung sollen die Entwicklungsländer dazu befähigt werden, innerhalb der WPAs in Regionalgruppen zu agieren. Bisher (Februar 2007) haben die AKP-Staaten sechs Regionalgruppen gebildet, die als Verhandlungspartner der EU auftreten. Diese Regionalgruppen sind

    • the Economic Community of West African States (ECOWAS)
    • la Communauté économique et monétaire de l’Afrique centrale
    • the Southern African Development Community
    • the East African Community
    • the Caribbean Forum of African, Caribbean and Pacific States (CARIFORUM)
    • the Pacific region

    Die Verhandlungen werden seitens der AKP-Staaten unter dem Druck der EU geführt bis zum Ende des Jahres 2007 zu einem Ergebnis zu kommen. Andernfalls will die EU die Auszahlung von Mitteln aus dem Europäischen Entwicklungsfondsverzögern.[4]

    Spezielle Fragen[Bearbeiten]

    Die neue Regionalgruppierung wirft die Frage auf, wie man innerhalb der WPAs mit der Gruppe der ärmsten Staaten der Erde (so genannte LDC-Staaten) innerhalb der Gruppe der AKP-Staaten umgeht. Diese Länder erfuhren in den bisherigen Handelsvereinbarungen eine privilegierte Behandlung. Zurzeit (Anfang 2007) werden 39 der 77 AKP-Staaten von denVereinten Nationen als LDCs definiert.

    Im Gegensatz zu den übrigen AKP-Staaten, gilt für LDCs im Falle einer Nicht-Unterzeichnung einer WPA automatisch das „Everything But Arms“-Abkommen. Dieses System privilegierter Handelsbeziehungen zwischen der EU und LDC-Staaten (auch außerhalb der AKP-Gruppe) wurde 2001 vom EU-Ministerrat beschlossen und ermöglicht es den ärmsten Ländern alle Produkte – mit Ausnahme von Waffen – zollfrei in unbegrenzter Menge in den EU-Raum zu exportieren. Für die LDC-Staaten innerhalb der AKP-Gruppe wäre somit die Nicht-Unterzeichnung einer WPA weniger problematisch als für Nicht-LDCs. Nicht-LDCs fallen im Falle einer Nicht-Unterzeichnung automatisch auf das weniger vorteilhafte „General System of Preferences“ (GSP) zurück.

    Zur Situation 2014[Bearbeiten]

    „Am 10. Juli 2014 haben die 16 westafrikanischen Staatschefs in Accra, der Hauptstadt von Ghana, ein sogenanntes Economic Partnership Agreement (EPA – Wirtschaftspartnerschaftsabkommen) zwischen der EU, den 15 Staaten der Communauté économique des Etats d’Afrique de l’Ouest (CEDEAO – Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft) und Mauretanien paraphiert. Am 22. Juli 2014 wurde ein anderes EPA von 6 Ländern des südlichen Afrikas paraphiert. Im Oktober unterzeichneten die Mitglieder der Ostafrikanischen Gemeinschaft ein Wirtschaftsabkommen mit der EU.“[5]

    Kritische Kampagne[Bearbeiten]

    Eine kritische Kampagne namens StopEPA folgt nach eigenen Angaben Initiativen aus der afrikanischen Zivilgesellschaft, die WPAs in ihrer gegenwärtigen Form ablehnen und sich für wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltigere Alternativen einsetzen. Zu den Unterstützern der Kampagne in Deutschland zählen u. a.

    Weitere Kritik[Bearbeiten]

    Menschenrechtler kritisieren, dass das Abkommen Everything but Arms (EBA) in Kambodscha dazu geführt habe, dass Zuckerkonzerne Kleinbauern von ihrem Land vertrieben hätten[6] [7]. Der Film Landraub[8] von Regisseur Kurt Langbeindokumentiert dies. Die Organisation Rettet den Regenwald berichtete darüber und startete eine Petition an die Europäische Union.[9] [10].

    Einzelnachweise[Bearbeiten]

    1. Hochspringen European Commission 2009[1]
    2. Hochspringen Publik-Forum Nr. 4/2007 v. 23. Februar 2007, S. 18
    3. Hochspringen Alexander Göbel: Wie die EU Ghanas Geflügelwirtschaft zerstört: Das Märchen vom fairen Handel.tagesschau.de-Internetportal, 13. Dezember 2015
    4. Hochspringen ebd.
    5. Hochspringen epa-infos von attac abgerufen 16. Januar 2016
    6. Hochspringen http://www.inclusivedevelopment.net/eus-everything-but-arms-initiative-is-impoverishing-cambodian-farmers/
    7. Hochspringen http://www.theguardian.com/world/2014/dec/10/european-union-cambodia-sugar-industry-human-rights
    8. Hochspringen http://www.landraub.com/Der-Film/
    9. Hochspringen https://www.regenwald.org/regenwaldreport/2015/432/zucker-fuer-die-eu-verwuestet-unser-land
    10. Hochspringen https://www.regenwald.org/aktion/1012/kein-landraub-fuer-zucker

    Weblinks[Bearbeiten]

     

    https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftspartnerschaftsabkommen

Ghanas Niedergang in den 80er Jahren

Ghana 1984 – in die vorindustrielle Zeit zurückgefallen

Rette sich, wer kann …

Im Sommer 1984 machte ich eine Reise durch Togo, Ghana und Obervolta/Burkina Faso. In Ghana erlebte ich eine brutale Ausnahmesituation. Ausländer waren damals so gut wie keine im Land; ich selbst gelangte mit Hilfe zweier Freunde und Entwicklungshelfer hinein, mit denen ich die Verwandten der afrikanischen Frau des einen besuchte.

Das Land hatte seit der Unabhängigkeit 1957 einen stetigen Niedergang erlebt. Der Fliegerleutnant Jerry Rawlings hatte 1981 geputscht und mit seinem revolutionären Pathos zusätzliches Misstrauen der westlichen Länder erweckt. Die seit 1983 wieder vereinbarte „Hilfe“ internationaler Finanzorganisationen hatte noch nicht gegriffen. Das Land musste sich auch von einer katastrophalen Dürre noch erholen. Es lief kaum etwas; meist gab es keinen Strom, riesige Hotels, die leer standen und verfielen, besaßen kaum Glühbirnen, die hätten brennen können, wenn es doch einmal Strom gab und ein Gast sich ins Hotel verirrte. Von der Masse des Volkes ganz zu schweigen; auch Großstädte lagen Nachts im Dunkeln. An Landstraßen hingen Drähte von Strom- oder Telefonmasten zerrissen auf der Erde. An den Zapfsäulen der Tankstellen warteten Hunderte von Metern lange Schlangen. Da der Sprit – wenn einmal gerade vorhanden – nur an bestimmten Tagen an entweder gerade oder ungerade Autonummern ausgegeben wurde, stellten Angehörige der Mittelklasse ein Fahrzeug mit passender Nummer in die Schlange, während das andere, sofern es betankt war, fuhr. Straßen – billige Hilfsprojekte von Industrieländern – besaßen oft nur hauchdünne Teerdecken, die von Schlaglöchern übersät waren und von der Natur zurückerobert wurden. Ghana ist seit 1966 von einem Stausee durchschnitten, der die Länge von 2/3 des Landes hat. Er hatte in besseren Zeiten derStromerzeugung gedient. Vielleicht wurde auch 1984 noch etwas produziert. Den See mit Fahrzeugen zu überqueren war, als wir ankamen, aber nicht mehr möglich, weil die Fähren defekt waren und die Ersatzteile aus dem Ausland wegen der Zahlungsunfähigkeit des Landes nicht mehr kamen. Um auf die andere Seite des Sees, also in den anderen Landesteil zu kommen, hätte z. B. ein LKW unter Umständen Umwege von Hunderten von Kilometern über Schlaglochpisten fahren müssen – die LKWs waren oft in gotterbärmlichem Zustand. Das Land glich einem Museum. Es standen Fahrzeuge, Maschinen, elektrische Geräte und anderes herum, sie liefen aber meistens nicht.

Ghana war in eine Art Naturzustand zurückgeworfen. Auf dem Land arbeitete, aß, wohnte man wie 100 Jahre früher – nur dass ein Vielfaches an Bevölkerung vorhanden war. Ärmere Leute ernährten sich von einer Handvoll Fufu, einer kartoffelbreiartiger Masse, die es, in ein grünes Blatt eingewickelt, auch am Straßenrand zu kaufen gab. Dass Brennholz viele Meilen weit auf dem Kopf herbeigetragen werden musste, war freilich auch in den Nachbarländern zu sehen.

Ein Massenexodus nach Nigeria und andere benachbarte Länder hatte stattgefunden. Einmal hat Nigeria von heut‘ auf morgen eine Million Ghanaer ausgewiesen. Die Grenzen waren recht durchlässig; nahe der Großstadt Lomé (Togo) überschritten Hunderte von Fußgängern mit Einkaufskorb usw. täglich die Grenze. Kaum ein gewöhnlicher Mensch war dort im Besitz von Papieren – es ging für Einheimische ohne. Da die Grenzen willkürlich Stammesgebiete durchschneiden, wohnen hüben und drüben Verwandte, die niemand hindern konnte, zusammenzukommen.

Ein Tagelöhner verdiente ungefähr 500 Cedis im Monat. Ein Essen nach europäischem Standart kostete 300 Cedis, eine Handvoll Fufu 25. Eine Dose Schuhwichse 200, ein Schaf 2000 Cedis. Um sich eine Flugkarte nach Europa zu kaufen, hätte ein Tagelöhner sein ganzes Leben lang nur dafür arbeiten können – er hätte es nicht geschafft.

Rette sich, wer kann …

Während dieser Krise setzte auch ein Flüchtlingsstrom nach Europa ein, in Deutschland namentlich nach Westberlin. Junge Leute aus „wohlhabenden“ Schichten, die im Land keine Perspektive mehr sahen, reisten über den DDR-Flughafen Schönefeld nach Westberlin ein und beantragten meist politisches Asyl. Sie mussten für diese Reise ein – nach ghanaischen Maßstäben – mittelständisches Vermögen aufbringen. Da kaum einer anerkannt wurde, wurden sie nach wenigen Jahren wieder abgeschoben. Wenn es in dieser Zeit gelang, eine Schrottlaube zu erwerben und die Kosten für einen Transfer des Autos nach Ghana aufzubringen, galt der Aufenthalt in Deutschland als, wenn nicht erfolgreich, so doch auch nicht als Verlust. Wenn noch eine Stereoanlage mitgenommen werden konnte, war man hoch im Plus. Wer der Abschiebung durch eine Heirat mit Deutschen entgehen konnte, konnte natürlich zu mehr kommen. Soweit weiß ich es vom ghanaischen Freunden in Berlin, wo ich bis 86 wohnte.

Es kam damals auch zur Überschwemmung des Rotlichtmilieus durch ghanaische Frauen. Landsleute in Berlin schickten den Frauen (und auch Männern) das Flugticket – jetzt konnten auch ärmere kommen. Die Neuankömmlinge mussten die ausgehandelte Summe für die „Fluchthilfe“ nun abarbeiten und an den Mittelsmann und oft Zuhälter auszahlen.

In der taz vom 19.9.1985 berichteten Hildegard Meier und Helga Lukoschat aus Westberlin:

„Im Winter 84/85 kamen hier jede Woche 50 bis 100 Frauen aus Ghana an. (…) Ende der 70er Jahre hielten sich 62 Ghanaerinnen in Berlin auf, im Zeitraum 80/85 stieg ihre Zahl auf 800 an! Wieviele der Frauen, die in den letzten Jahren einreisten, von vorneherein zur Prostitution bestimmt waren oder hierzu veranlaßt wurden, läßt sich mit keiner Zahl belegen. Vielzusehr liegt der gesamte Bereich im eleganten Halbdunkel, als daß sich eine vollständge Statistik darüber führen ließe. 1984 waren der Berliner Polizei jedenfalls 150 ghanaische Frauen als Prostituierte bekannt.“

Die Frauen mussten als Illegale im Untergrund leben oder Deutsche heiraten, um bleiben zu können. „Der üblichste Weg scheint jedoch zu sein, den Frauen ’nahezulegen‘, einen Antrag auf politisches Asyl zu stellen. (…) Es bleibt den Frauen nichts anderes übrig, als den Anweisungen ihrer Kontaktpersonen, die vor den Behörden als Dolmetscher oder als vermeintliche oder wirkliche Angehörige auftreten, Folge zu leisten. Wird der Antrag nicht gleich als unbeachtlich gewertet und die Ausreise angeordnet, erfolgt nach zwei bis drei Monaten die ‚Verteilung‘ auf die westdeutschen Bundesländer. (…) Laut Statistik erhalten nur ein Prozent aller Ghanaischen Asylbewerberinnen die offizielle Anerkennung als politisch Verfolgte, 1984 war es von 1.403 Bewerbern/innen nur einer.“

Am Geschäft mit den Ghanaerinnen verdienten auch Deutsche kräftig:

„Ein Großteil des Geldes, das die Frauen erarbeiten, dürfte im allgemeinen in die Taschen der Zuhälter, Clubbesitzer, Wohnungsvermieter fließen, für Honorare, Schmiergelder und die Rückzahlung der Schulden. Viel kann es nach unseren Maßstäben nicht sein, was sie mit zurücknehmen können. Trotzdem ist es oft ausreichend, sich in Ghana eine materiell gesicherte Existenz aufzubauen. (…) In Ghana setzt sich die Vorstellung, in Deutschland ‚auf einfachem Wege‘ zu Wohlstand zu kommen, immer weiter fort.“

Mitglieder der Alternativen Liste Berlin setzten sich damals vor startende Flugzeuge, um gegen Abschiebungen von Ghanaer/innen zu protestieren. Ich war Mitglied der Liste und ihres „Ausländerbereichs“, sah aber nach meiner Afrikareise – entgegen meinen bisherigen Ansichten – keinen Sinn mehr in solchem Protest. Die Ankömmlinge waren größtenteils keine politischen Verfolgten und schadeten denen, die wirklich auf politisches Asyl angewiesen waren. Mit dem Zustrom der Ghanaer/innen war niemandem gedient – außer in Deutschland den Zuhältern und in Ghana – vielleicht – den betreffenden Familien. Ghana als Ganzes hatte nichts davon, der Import von PKWs, Kühlschränken und Stereoanlagen verstärkte die Abhängigkeit und den falschen Entwicklungsweg, den ich bei meinem Aufenthalt im Land vor Augen gehabt hatte. Man hätte dem Land und seinen Menschen anders helfen sollen – auch anders, als es dann durch den Internationalen Währungsfonds geschah. Soviel und mehr Gründe einzuwandern als die Ghanaer in Berlin hatten Dutzende Millionen andere Menschen in Westafrika. Ähnliche Erfahrungen hatte ich schon bei mehreren Reisen in die Türkei gemacht. Mir kamen grundsätzliche Bedenken gegen die von der AL propagierte „freie Einwanderung“ und ich äußerte sie auch. Dann schlug mir Argwohn entgegen. Ich fand mich, wenn nicht in die Neonazi-, dann doch in die rechte Ecke gestellt. Darum und wegen anderer Ungereimtheiten der Großstadt emigrierte dann auch ich – zurück in meine Heimat.

Harald Noth

Was sind Strukturanpassungsprogramme, die auch Ghana umsetzte?

Schuldenkrise und Strukturanpassung

Was sind Strukturanpassungsprogramme?

Mit dem Begriff Strukturanpassungsprogramm (SAP) wird ein Bündel wirtschaftspolitischer Maßnahmen bezeichnet, die die Länder der Dritten Welt und Osteuropas im Gegenzug für Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank durchführen müssen. Die Durchführung von Strukturanpassungsprogrammen ist darüber hinaus auch die Voraussetzung für einen Schuldenerlass im Rahmen der HIPC-Initiative.
Die haushalts-, finanz-, handels- und arbeitsmarktpolitischen Vorgaben (sog. Konditionalitäten) der Programme stellen weitreichende Eingriffe in die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen der kreditnehmenden Länder dar. Die SAPs des IWF und der Weltbank sind dem neoliberalen Entwicklungsmodell verpflichtet und setzten auf die Anwendung marktwirtschaftlicher Prinzipien. Wirtschaftliche Stabilisierung und Wachstum soll über die Stärkung der Privatwirtschaft, über die Einbindung in den Weltmarkt und über ausländische Direktinvestitionen erreicht werden.

Seit wann gibt es SAPs?

SAPs sind eng mit der Anfang der 80er Jahre beginnenden Schuldenkrise der Dritten Welt verknüpft. IWF und Weltbank begannen damals, eine zentrale Rolle im Schuldenmanagement zu spielen und ihren Einfluss auf die Länder des Süden erheblich auszubauen. Strukturanpassungsprogramme wurden zur Vorbedingung von neuen Krediten der beiden Institutionen und von Umschuldungsmaßnahmen. Der Einfluss von IWF und Weltbank geht aber weit über die Höhe der von ihnen zur Verfügung gestellten Mittel hinaus. Denn auch die Regierungen der Industrieländer, regionale Entwicklungsbanken und private Banken gewähren den Ländern des Südens Kredite nur dann, wenn diese ein Anpassungsabkommen mit den Bretton Woods Institutionen befolgen. [1]

Als die Weltbank 1996 die Entschuldungsinitiative HIPC lancierte, beschlossen die Geberregierungen, Schuldenerlasse an die Durchführung eines sechsjährigen Strukturanpassungsprogramms mit dem IWF zu knüpfen (sog. ESAF-Programme). Erst wenn die Länder diese Auflage erfüllt hatten, konnten sie auf einen Teilerlass ihrer Schulden hoffen. Dies ist auch Bestandteil der 1999 in Köln beschlossenen Erweiterungen der HIPC Initiative. Statt ESAF- heißen die jetzt PRGF-Programme (von Poverty Reduction and Growth Facility) und sollen auf nationalen Plänen zur Armutsbekämpfung aufbauen.

Gescheiterter Ansatz

Die Koppelung von Schuldenerlassen an Strukturanpassungsprogramme war ein verheerender Schachzug für die Entwicklungsländer. Denn SAPs sind aus einer Reihe von Gründen hochproblematisch:

  • Die im Zuge von SAPs verlangte plötzliche und umfangreiche Öffnung der Märkte, die einseitige Förderung der Exportwirtschaft und die umfassende Aufhebung staatlicher Regulierungen haben nur geringe und ungleich verteilte Wachstumserfolge gehabt, an deren ökonomischer und vor allem ökologischer Nachhaltigkeit zudem gezweifelt werden muss. Gleichzeitig aber ist der Schuldenstand der Länder weiter gestiegen.
  • Besonders die armen Bevölkerungsgruppen hat es häufig hart getroffen. Die Anpassungsprogramme verlangen in der Regel heftige Einschnitte bei den staatlichen Ausgaben. Gekürzt wird dann oft bei denen, die sich am wenigsten wehren können. Neben dem Wegfall staatlicher Leistungen im Gesundheits- und Bildungsbereich und von Subventionen auf Grundnahrungsmittel, kommt es oft zu Arbeitsplatzverlusten. Auch die Politik der Handelsliberalisierung geht häufig auf Kosten der ärmeren Menschen: Während jetzt billige Produkte auf den einheimischen Markt strömen, sind Kleinbauern zumeist nicht in der Lage ihre Waren zu exportieren.
  • Auch in ökologischer Hinsicht haben die Programme wenig Positives aufzuweisen. Als Strategie, möglichst schnell Devisen erwirtschaften zu können (zwecks Schuldenrückzahlung), wird den Ländern von Weltbank und IWF empfohlen, den Export von Rohstoffen auszubauen. Das Ziel der „nachhaltigen Entwicklung“ rückt dabei vollends in den Hintergrund.
  • Neben diesen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fehlentwicklungen der SAPs haben die Programme aber auch ganz handfeste politische Probleme: Die zahllosen und zum Teil sehr detaillierten Vorgaben der SAPs beschneiden die Regierungen der kreditnehmenden Länder in ihren Möglichkeiten, Außenwirtschafts-, Arbeits- und Sozialpolitik usw. zu gestalten. Damit untergraben sie das Vertrauen der Bevölkerung in die politischen Strukturen der Länder.
    Letztlich handelt es sich auch um eine direkte Interessenpolitik der industrialisierten Länder gegenüber den Entwicklungsländern. Denn die Industrieländer haben in den Entscheidungsgremien von IWF und Weltbank das Sagen und oft genug werden mit den Programmen genau solche Maßnahmen durchgesetzt (bspw. Marktöffnung), die im Interesse des Nordens liegen.

 

Alles neu macht die HIPC 2??

Auch bei den Verantwortlichen ist mittlerweile angekommen, dass sie mit der Anpassungspolitik nicht wie bisher weiter machen können. Im Zusammenhang mit den schweren Finanz- und Wirtschaftskrisen am Ende der 90er Jahre mehrte sich die Kritik an den SAPs nun auch von offizieller Seite. Vom Koalitionsvertrag der rot-grünen Regierung bis hin zum (ehemaligen) Chefökonomen der Weltbank, Joseph Stiglitz, wurde gefordert, die enge makroökonomische Ausrichtung von SAPs um soziale und ökologische Ziele zu erweitern. Eine externe Evaluierung von Strukturanpassungsprogrammen des IWF (1998) bescheinigte das Versagen der Konditionalitätenpolitik und machte fehlende nationale Identifikation mit den harten Reformmaßnahmen und die Flut an Vorgaben, die mit SAPs verknüpft sind, für die geringen Erfolge der Programme verantwortlich.

Im Zusammenhang mit den in Köln 1999 vereinbarten Schuldenerleichterungen für die 41 als arm und hoch-verschuldet eingestuften HIPC-Länder, präsentierten IWF und Weltbank dann einen neuen Ansatz: Zukünftig sollen SAPs auf Armutsstrategien aufbauen, die von den Regierungen der kreditnehmenden Länder selbst unter Einbeziehung ihrer Zivilgesellschaften entwickelt werden sollen. Die Reduzierung der Armut soll herausragendes Ziel aller Reformbemühungen werden.

Die HIPC-Länder müssen auch weiterhin erst IWF-SAPs durchführen, bevor der Schuldenerlass gewährt wird (Statt ESAF jetzt PRGF = Poverty Reduction and Growth Facility), die aber jetzt auf den nationalen Armutsstrategien (PRSP = Poverty Reduction and Growth Facility) aufbauen sollen.

Aber bedeutet der neue Ansatz der PRSP wirklich einen Neuanfang in der Anpassungspolitik? Wohl kaum: Zum einen müssen die PRSP dem IWF und der Weltbank vorgelegt und von diesen genehmigt werden. Und die beiden Institutionen haben gleich gewarnt, dass nur solche Pläne akzeptiert werden, die „vernünftigen wirtschaftspolitischen Grundsätzen“ verpflichtet sind. Was als vernünftig gilt, wird dabei weiterhin in Washington entschieden. Da es sich die hochverschuldeten und sehr armen Länder der HIPC-Initiative nicht leisten können, auf die zugesagten Schuldenerleichterungen zu verzichten, ist zu befürchten, dass sie in vorauseilendem Gehorsam Papiere vorlegen, die wenig von den bisher üblichen Strategien abweichen.

Mittlerweile haben fünf Länder ein vollständiges PRSP vorgelegt und eine weitere Reihe von Ländern haben sogenannte Zwischenpapiere erarbeitet. Die nationalen Prozesse gestalten sich schwierig und besonders die zivilgesellschaftliche Partizipation hinkt in den meisten Ländern hinter den Erwartungen zurück. Auch in der inhaltlichen Gestaltung von SAPs hat sich wenig verändert: Zum Teil haben Weltbank und IWF noch kurz vor dem Abschluss der PRSP-Prozesse mit den Ländern neue SAPs abgeschlossen, statt erst einmal das Ergebnis der nationalen Prozesse abzuwarten. Außerdem haben die beiden Institutionen trotz anderslautender Versprechen bisher kaum Anstrengungen unternommen, den Zusammenhang von makroökonomischen und strukturpolitischen Reformen auf der einen und den sozialen Auswirkungen zu überprüfen. Wenn aber künftig alle Elemente von Wirtschaftsprogrammen dem Ziel der Armutsbekämpfung dienen sollen, dann müssen auch endlich alle Reformmaßnahmen unvoreingenommen hinsichtlich ihrer Armutswirkungen analysiert werden. Denn die bisherigen Anpassungsprogramme haben das ganz eindeutig nicht geleistet.

SAPRI/N

Es gibt bereits Initiativen dieser Art. So haben sich im Rahmen des SAPRI[2]-Prozesses in sieben Ländern zivilgesellschaftliche Organisationen gemeinsam mit Regierungen und der Weltbank mit den Folgen von SAPs auseinandergesetzt. Die Initiative kam auf Anstoß einer Reihe von Nichtregierungsorganisationen zustande und begann 1997 mit der Evaluierung von Anpassungsprogrammen in sieben Ländern (Bangladesh, Ecuador, Ghana, Ungarn, Mali, Uganda und Simbabwe). In einer Reihe von anderen Ländern bzw. Regionen (Argentinien, Brasilien, Kanada, Mexiko, Philippinen und Zentralamerika) wurden in den folgenden Jahren Wirkungsanalysen ohne Beteiligung der Regierungen und/oder der Weltbank begonnen (sog. CASA-Prozess).

Allen Prozessen ist gemein, dass auch die Erfahrungen der „normalen Bevölkerung“ in die Auswertungen einfließen sollen. Entsprechend wurden eine Reihe von Foren in den beteiligten Ländern durchgeführt, an denen Vertreter verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen teilnahmen. Darüber hinaus einigte man sich auf eine „partizipative Methode“ für die durchzuführenden Feldstudien.
Im Zusammenhang mit dem SAPRI-Prozess hat sich ein zivilgesellschaftliches Netzwerk aus Kleinbauern-, Gewerkschafts-, Frauen-, Umwelt- und anderen Organisationen sowie aus unterstützenden NGOs aus dem Norden gegründet (SAPRIN). Über den unmittelbaren SAPRI-Prozess hinaus, organisiert das Netzwerk die partizipativen Prozesse in den CASA-Ländern, beschäftigt sich mit Alternativen zur bisherigen Strukturanpassungspolitik und mit der Erarbeitung von basisorientierten Unterrichtsmaterialien („economic literacy“). (Informationen unter: http://www.saprin.org).

Die Prozesse in den sieben SAPRI-Ländern nähern sich ihrem Ende. Im September 2001 werden länderbezogene sowie sektorübergreifende Ergebnisse der Initiative auf einem internationalen Forum in Washington, DC präsentiert werden. Doch offenbar kriegt die Weltbank jetzt kalte Füße: Obwohl es sich bei dem SAPRI-Prozess um einen mehrjährigen, gemeinsamen Prozess zwischen der Weltbank, Regierungen und zivilgesellschaftlichen Gruppen handelt, scheint es jetzt, als sei die Weltbank nicht bereit, die Ergebnisse zu akzeptieren und daraus Lehren für ihre zukünftige Anpassungspolitik zu ziehen. Die vom Weltbank-Präsidenten vielbeschworene Partizipation und ownership droht damit zu einer Farce zu werden.

Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED) arbeitet seit Beginn an im Netzwerk SAPRIN mit und hat im Frühjahr 1999 das erste europäische SAPRIN-Forum in Bonn ausgerichtet. WEED wird die im Herbst 2001 vorliegenden Ergebnisse der SAPRI-Prozesse auswerten und der deutschen Öffentlichkeit zugänglich machen.

[1] Zwischen 1980 und 1994 vergaben IWF und Weltbank 343 Anpassungskredite an 74 Länder. Aus den IWF-Mitteln für die ärmsten Länder (ESAF) wurden zwischen 1996 und 1998 96 SAPs finanziert, die meisten davon in Afrika. Seit Beginn der 90er Jahre fließen Anpassungskredite in zunehmenden Maße auch nach Osteuropa.

 

[2] Die Abkürzung steht für Structural Adjustment Participatory Review Initiative, das Kürzel SAPRIN wiederum bezeichnet das Netzwerk an zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich um die SAPRI-Initiative herum, gegründet hat (Structural Adjustment Participatory Review International Network).

Die Achillesferse des ghanaischen ‘Wunders‘ liegt auf der Hand. Die weitere Entwicklung hängt an den dünnen Fäden der Weltkakaopreise, den ausländischen Kreditzuflüssen und nicht zuletzt an der inneren politischen Stabilität.

Ghana ist ein Lehrstück in Globalisierung

In der taz vom 21. 10. 87 heißt es über Rawlings:

Rawlings hat ein von der neuen Elite total ruiniertes Land übernommen und mit allem Realismus dem Volk gesagt: „Wir haben nichts mehr. Nicht einmal etwas für ein Geschenk. Wir haben bloß noch Tränen und unsere Arme. Also müßt ihr weinen und den dürren Boden bewässern. Ihr müßt die Hände gebrauchen und überall etwas anbauen… Wer Würde will, kann diese nicht als Hilfe geschenkt erhalten.“

 

1984, Quame Danso, Dorf in Ghana: Ein Häuptling mit seinem ganzen Stolz: seinen Söhnen, einem Gewehr und dem Kofferradio. Das auf den Europäer zum Teil idyllisch wirkende Leben auf dem Land war für die Einheimischen mit großen Härten verbunden.

Soweit die guten Vorsätze. Aber der mit revolutionärem Pathos angetretene Rawlings sah dann doch die „Hilfe“ des Internationalen Währungsfonds, eines Vorreiters der Globalisierung, als Rettungsanker an. Mit den Folgen, die überall in der Dritten Welt anzutreffen sind. Die Produktionsziffern verbesserten sich, die Lage von Volk und Staat nicht. In der taz vom 18. 6. 1988 schreibt Klaus Enderle:

Die Nahrungsmittelsituation – 1983 der entscheidende Faktor für die Hinnahme des ERP („Economic Recovery Programme“ des Internationalen Währungsfonds) in der Bevölkerung – hat sich zwar nachhaltig verbessert, doch ist das fast ausnahmslos auf die starken Regenfälle zurückzuführen.

Des weiteren wird (vom IWF, H.N.) verschwiegen, daß die beeindruckenden Wachstumszahlen nur auf Pump finanziert wurden. Der IWF hat sich durch sein Engagement zum Hauptgläubiger des Landes gemacht, der mittlerweile seine Kredite wieder eintreibt. 1987 flossen bereits wieder 140 Millionen Dollar an den Fonds zurück, 1988 werden es über 200 Millionen sein. Ohnehin droht die Schuldensituation das Wachstum der vergangenen Jahre wieder aufzufressen. Die gesamte Auslandsverschuldung, die sich auf 2,7 Milliarden Dollar summiert, verschlingt bereits 63 Prozent der gesamten Exporteinnahmen.

An der Wirtschaftsstruktur Ghanas konnte und wollte das schuldenträchtige Umbauprogramm freilich nichts ändern. Die enorme Auslandsabhängigkeit wurde vielmehr zementiert, die binnenwirtschaftliche Produktion bleibt auch weiterhin diskriminiert. Die heutige Wirtschaftsstruktur Ghanas gleicht einem Fossil aus kolonialer Vorzeit. Ähnlich wie im Jahr 1910 ist Ghana heute mehr denn je vom Kakaoexport und damit von den Weltmarktpreisen abhängig. Die forcierte Kakaoproduktion hat dazu geführt, daß inzwischen 70 Prozent der Exporterlöse aus dem Kakaoexport erwirtschaftet werden, also gerade der Teil, der für den Schuldendienst an ausländische Gläubiger verwendet werden muß. Die gesamte Kakaoproduktion Ghanas erfolgt augenblicklich für das Ausland, und das bei gesunkenen Weltmarktpreisen und neuen Anbietern.

Die Achillesferse des ghanaischen ‘Wunders‘ liegt auf der Hand. Die weitere Entwicklung hängt an den dünnen Fäden der Weltkakaopreise, den ausländischen Kreditzuflüssen und nicht zuletzt an der inneren politischen Stabilität. Zwar konnten die Maßnahmen bislang noch ohne offenen Massenprotest umgesetzt werden, doch hat sich das Klima zunehmend verschärft. Das bekommen insbesondere die Gewerkschaften zu spüren.

Das Schuldenkarussell droht sich zunehmend auch in Ghana nach dem altbekannten Muster zu drehen: Anpassungspolitik, Popularitätsverlust der Regierung – politische Unzufriedenheit. Was letztlich bleibt, ist eine verschärfte Repression.

In der taz vom 5. 12. 95 wird berichtet, daß der ehemalige Revolutionär Rawlings versucht, Ghana zum privilegierten Partner der USA in Westafrika zu machen.

Auf seiner USA-Reise (…) offerierte Rawlings allen US-Schwarzen die ghanaische Staatsbürgerschaft, als sei Ghana die Heimat aller Sklavenabkömmlinge. Kaum ein Land der Region bietet sich so inbrünstig ausländischen Investitoren an – und anderen Interessenten aus der USA. In Cape Coast fahren Adventisten in glitzernden Geländewagen herum, die „Kirche der Heiligen der Letzten Tage“ hat ein neues Gebetshaus, und am Strand baut gerade die „Pentecostal Church“. Taxen fahren vorbei mit Aufklebern wie „Peace in Jesus“ und der US-Fahne.

13 Jahre nach dem Beginn des Strukturanpassungsprogramm des IWF schreibt Uwe Kerkow in der taz (10.12.96):

Unter seiner Herrschaft wurde Ghana der Musterschüler von IWF und Weltbank, da es die Strukturanpassungsprogramme rigoros umsetzte. Ein Wirtschaftswachstum von über fünf Prozent bis in die 90er schienen Rawlings Programm recht zu geben.

Doch heute herrscht Krisenstimmung in Ghana. Fast 70 Prozent Inflation, Auslandsschulden von fünf Milliarden US-Dollar, ein auf drei Prozent vermindertes Wirtschaftswachstum, ungehemmter Raubbau an den natürlichen Ressourcen des Landes und eine Infrastruktur, die immer noch auf den Export von Gold, Kakao und Holz ausgerichtet ist, können von dem derzeitigen Goldboom und den damit erzielten Gewinnen nicht aufgefangen werden.

Eine durchdachtere Privatisierungspolitik wird immer wieder angemahnt. Eine zu rasche Senkung der Importzölle hatte die einzige ghanaische Batteriefabrik in den Ruin getrieben. Die heimische Textilindustrie wird zur Zeit durch Altkleiderimporte aus der „Ersten Welt“ zerstört. Und Mitte des Jahres hatte die Regierung von Rawlings – auf Druck der Weltbank – den inländischen Rohölmarkt für Ölmultis freigegeben. Damit wurden die Subventionen für die Beninpreise aufgehoben.

Ein Anfang dieses Jahres erschienener – mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellter – offizieller Armutsbericht spricht davon, daß 30 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Rawlings neue Regierung wird nur einen minimalen Handlungsspielraum haben.

http://www.noth.net/c111rawlings.htm

Die Wirtschaft in Ghana wächst zwar anhaltend, es hat sich aber noch keine nachhaltig tragfähige Wirtschaftsstruktur entwickelt. Das Land ist abhängig vom Export von Gold, Kakao, Tropenholz und seit 2010 auch Erdöl. So leben die Ghanaer, die immer noch mehrheitlich in der Landwirtschaft arbeiten, mit dem ständigen Risiko schwankender Weltmarktpreise.

Projektpartner | Ghana

Partnerprojekte:
FPS- Getrade
Geolicrafts

Das westafrikanische Ghana ist mit seiner demokratischen Gesellschaftsentwicklung ein positives Beispiel für Länder auf der ganzen Welt.

Ghana4Das Küstenland grenzt im Westen an die Elfenbeinküste, im Norden an Burkina Faso und im Osten an Togo. Es herrscht ein relativ gleichmäßiges, tropisches Klima und die Landschaft ist geprägt von Savanne. Der größte Fluss des Landes, der Volta River, wurde bei Akosombo zu einem der größten künstlichen Seen der Erde aufgestaut. Die Bevölkerung Ghanas wuchs in den vergangenen Jahrzehnten rasant und wird heute auf 24,0 Mio Einwohner geschätzt. Es existieren ca. 75 ethnische Gruppen, was auch dazu führt, dass neben der Landes- und Amtssprache Englisch noch weitere Verkehrssprachen, wie z.B. Twi, Ga, Ewe oder Nzema verbreitet sind.

Ghana3Einen Staat namens Ghana gab es bereits vom 4. bis zum 11. Jahrhundert – allerdings auf dem Gebiet des heutigen Mali. Das heutige Staatsgebiet zählte über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zu den verschiedensten afrikanischen Staaten. Erst seit Beginn der entbehrungsreichen Kolonisierung durch England bestehen die noch heute vorherrschenden Landesgrenzen. Wie in vielen anderen afrikanischen Staaten auch, kam es in Ghana Anfang der 90er Jahre zu einer Demokratisierungswelle. Seitdem gilt das Land sowohl politisch, als auch wirtschaftlich als Musterbeispiel für eine positive Entwicklung.

Ghana1

Die Wirtschaft in Ghana wächst zwar anhaltend, es hat sich aber noch keine nachhaltig tragfähige Wirtschaftsstruktur entwickelt. Das Land ist abhängig vom Export von Gold, Kakao, Tropenholz und seit 2010 auch Erdöl. So leben die Ghanaer, die immer noch mehrheitlich in der Landwirtschaft arbeiten, mit dem ständigen Risiko schwankender Weltmarktpreise. Gerade beim Anbau von Kakao bietet hier der Faire Handel durch garantierte Mindestpreise und stabile Handelsbeziehungen eine willkommene Alternative für Kleinbauern. Fair gehandeltes Kunsthandwerk aus Ghana ermöglicht es den Produzenten, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig die reichhaltige ghanaische Kultur zu erhalten.

http://www.el-puente.de/fairtrade/de/9,,info,html_land,,GH/Unsere-Partner/Projektuebersicht/Ghana.html